Unterwegs in der Region

Auf der Pirsch

Kaufmann und Jäger Karl Puntigam erzählt uns bei einem Gang durch sein Revier, was einen guten Jäger ausmacht – und warum er sich als Fürsprecher des Wildes versteht.

Text: Marcus Fischer Fotos: Niko Havranek

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ie Sonne ist angenehm mild an diesem Herbsttag, als wir Karl Puntigam im südoststeirischen Tieschen treffen. Karl hat schon sein Jägergewand

an, als er uns vor dem Nah&Frisch Geschäft begrüßt, das seine Frau Angelika und er führen. Sein Revier liegt gleich auf der anderen Seite des Tals. „Hier hast als Jäger ganz andere Aufgaben, als wennst z. B. ein Revier in der Obersteiermark hast. Dort hast du fast unberührte Natur und gigantische Wälder. Hier stehst als Jäger genau an der Schnittstelle zwischen Natur und Zivilisation. Das ist nicht immer einfach.“ Mit Blick auf die schon tief stehende Sonne fügt er hinzu: „Aber jetzt sollt ma los.“


Gummipirsch? Nein danke!

Seinen Geländewagen lässt Karl unten am Bach stehen. Auf dem Weg den Hügel hinauf zum Wald erzählt er, dass er nichts von der sogenannten „Gummipirsch“ hält. „Leider gibts immer wieder Jäger, die aus Bequemlichkeit mit dem Auto bis zum Hochstand fahren. Und damit das Wild vergrämen. Entweder direkt durch den Autolärm oder indirekt – wenn sie was schießen, verbinden vor allem die Altgeißen den laufenden Motor sofort mit Gefahr und kommen künftig schon beim leisesten Autogeräusch gar nicht mehr heraus oder erst viel später.“


Pirschen wie ein Indianer

Mittlerweile haben wir den Waldrand erreicht. Karl deutet uns, ihm leise zu folgen. Achtsam setzt er jeden Schritt auf dem kleinen Steig durch den dunkelgelb leuchtenden Buchenwald. Er achtet genau darauf, auf keine Äste zu treten. Ab und zu bleibt er stehen und deutet auf Rehfährten oder die Losung von Hasen und anderen Wildtieren. Dann gehen wir behutsam weiter. Ein bisschen fühlen wir uns an Indianerfilme aus der Kindheit erinnert, in denen Krieger lautlos durch den Wald streifen und aus den Spuren lesen, wer hier vorbeigekommen ist. Von lautlos kann bei uns allerdings keine Rede sein. Immer wieder knackst es unter uns, so sehr wir uns auch bemühen. Ja, pirschen will gelernt sein. Nach einer Weile ist der Laubwald durchquert und wir gelangen auf eine Lichtung, von der oben am Hügel schon die Weingärten erkennbar sind. Hier liegt Karls Revier.


Wie schwer ist ein Falke?

„Da heroben muss ich vermitteln – zwischen den Bauern und dem Wild. Ich versteh die Weinbauern – grad im Frühjahr kann das Wild da einen enormen Schaden anrichten. Wenn das Frühjahr kalt ist und die Knospen langsam austreiben, hast als Weinbauer einen ordentlichen Ernteausfall, weil die Rehe Feinschmecker sind und am liebsten die jungen Triebe abknabbern. Und für diesen Schaden wird dann die Jägerschaft verant- wortlich gemacht.“ Als wir den Hügel weiter hinaufsteigen, deutet Karl auf einen Falken, der unweit von uns in der Luft steht. Kurz darauf schießt er im Sturzflug auf das Feld unter ihm und steigt gleich wieder auf. „Wahrscheinlich hat er eine Maus erwischt. Der packt sie mit den Krallen, hackt ihr einmal ins Genick, die ist sofort tot, und gleich ist er wieder unterwegs“, schildert Karl das Jagdverhalten des Rötelfalken. „Was glaubts, was der Vogel wiegt?“ Wir überlegen, erinnern uns an die ausge- stopften Falken an den Wänden von Wirtshäusern – 30, 40 Zentimeter groß. Wir schätzen ein halbes Kilo. „Da würd der nicht einmal in die Höhe kommen“, lacht Karl. „Dieser war ein Jungtier, der wiegt ca. 150 Gramm. Ein erwachsenes Männchen liegt bei ungefähr 200 Gramm.“


Fürsprecher des Wildes

Mittlerweile haben wir die Weingärten erreicht und schon sehen wir von Weitem Karls Hochstand. Was er als Jäger dagegen machen kann, dass das Wild die Weinreben abfrisst, wollen wir wissen. „Wennst das jemanden aus der Stadt fragst, wird er dir sagen: schießen. Das kennt man von den Jägern. Und sicher hat jeder seine Abschussquote, die er erfüllen muss. Aber das allein reicht überhaupt nicht. Wir sind nicht die ,Tiermörder‘, wie uns radikale Tierschützer unterstellen, sondern im Gegenteil, Für- sprecher der Tiere. Ich muss als Jäger drauf schauen, dass ich die natürliche Umgebung des Wildes wiederherstelle – zum Beispiel durch Hecken- pflanzungen und Wildäcker. In den letzten Jahrzehnten ist die Landwirt- schaft immer intensiver geworden und versucht, jeden Quadratmeter zu nutzen. Dadurch hat sie wichtige Rückzugsgebiete des Wildes zerstört. Als Jäger muss ich da gegensteuern.“


Wildäcker gegen den „Ernteschock“

„Wenn jetzt im Herbst die ganzen Felder abgeerntet werden, ist es für das Wild ein Schock. Es verliert sein ,Wohn-, Ess- und Schlafzimmer‘. Da denkt man normalerweise nicht daran. Drum haben wir uns mit den Bauern drauf geeinigt, dass an bestimmten Stellen – möglichst weit weg von der Straße und nah an einem Bach oder Fluss – Wildäcker stehen gelassen werden. Das ist eine ganz wichtige Lenkungsmaßnahme, um den Wildschaden zu verringern. Eine andere sind Winter-Wildfütterungen, sogenannte Kirrungen, um die Tiere daran zu gewöhnen, sich von be- stimmten Plätzen fernzuhalten.“


Störfaktor Freizeitmensch

Wir klettern die Sprossen zum Hochstand hinauf. Hier oben eröffnet sich ein weiter Blick über das sanfte Hügelland. Die Kanzel ist einfach, aber gemütlich eingerichtet. „Der Wind steht nicht gut heute“, sagt Karl. „Auch wenn er nur schwach ist, das Wild wittert uns. Aber schau ma mal.“ So sitzen wir eine ganze Weile still. Und beobachten. Am meisten tut sich in der Luft. Unser Falke ist schon wieder unterwegs, kreist aber nur, ohne in der Luft stehen zu bleiben. Plötzlich hören wir Stimmen. Sie kommen vom Wanderweg oberhalb des Weingartens herüber. Obwohl sie ein ganzes Stück entfernt sind, verstehen wir einzelne Worte, weil wir genau auf einer Höhe liegen. „Mountainbiker“, sagt Karl und schaut mit dem Fernglas in ihre Richtung. „Die sind nicht von da. In der Dämmerung sollten die eigentlich nicht mehr im Waldgebiet unterwegs sein. Wenn ich jemand erkenn, geh ich später bei ihm vorbei und bitte ihn, entweder früher los- zufahren oder nicht grad in der Dämmerung durch den Wald. Weil das einfach eine enorme Unruhequelle fürs Wild ist. Die Leute glauben immer nur, das ärgert den Jäger, weil er dann nicht schießen kann. Dass wir uns aber dafür einsetzen, dass die Tiere ab der Dämmerung ihre Ruhe haben, ist vielen nicht klar. Denn jede Flucht bedeutet einen hohen Energieauf- wand. Grad im Winter sparen Rehe z. B. instinktiv Kraft und fahren ihren Energiehaushalt herunter, weil das Nahrungsangebot sehr gering ist. Dann kann die wiederholte Flucht in Extremfällen – z. B. bei hoher Schneelage – zur Erschöpfung oder sogar zum Tod der Tiere führen.“


Miteinander reden

Was er von den Radikalmaßnahmen einiger Jäger hält, die den Mountain- bikern dann, z. B. im Wald, die Luft auslassen, wollen wir wissen. „Das ist Blödsinn und schafft nur böses Blut. Natürlich gibts auch bei den Jägern schwarze Schafe, wie überall. Mir gehts aber drum, dass man miteinander redet. Auch in dem Punkt versteh ich ja die Leute, die nach der Arbeit einfach rauswollen in die Natur. Aber man muss halt einfach aufeinander Rücksicht nehmen und auch aufs Wild. Drum muss ich als Radlfahrer auf den gekennzeichneten Wegen bleiben und die Ruhezeiten des Wildes respektieren. Ich will ja auch nicht, dass mir in der Nacht eine Wildsau durchs Schlafzimmer rennt“, lacht Karl.


Die Natur erleben

Obs am Wind liegt, an den Radelfahrern oder an unseren Gesprächen – Wild zeigt sich an diesem Abend keins mehr. Karl nimmts gelassen. „Wenn kein Wild kommt, sitz ich einfach da und beobachte die Natur. Das ist grad nach einem Tag im Geschäft die beste Entspannung. Du sitzt Stunden über Stunden, schaust einfach und horchst. Mehr brauch ich nicht. Und wenn dann doch was herauskommt, ist es herrlich. Dann schau ich genau, wie sich das Wild verhält. Ob ich den Bock kenn oder die Geiß. Obs unruhig sind. Von welcher Seite sie kommen, wohin sie wechseln. Da bin ich ganz in der Natur. Und das ist meine Auszeit.“

Laubwälder, weit gestreckte Weingärten und ein Blick bis an die slowenische Grenze: Karl Puntigam in seinem Revier in Tieschen.




Karl möchte ein neues Verständnis von Jagd vermitteln und die Menschen dafür sensibilisieren.





„Wenn im Herbst die Felder abgeerntet werden, ist es fürs

Wild ein Schock.“

Die Triebe des Weinstocks stehen ganz oben auf dem Speiseplan von Rehen. Eine von Karls Aufgaben ist es, das Wild – z. B. durch Kirrungen – von den Weingärten fernzuhalten.

Als Jagdaufsichtsorgan muss er die Bedürfnisse der Erholungssuchenden mit denen des Wildes koordinieren.





„Gummipirsch“ – nein danke! Seinen Wagen lässt Karl Puntigam weit entfernt vom Hochstand stehen.

„Jede Flucht bedeutet fürs Wild einen hohen Energieaufwand. Im Winter kann das dramatische Folgen haben.“

Eckzähne beim Keiler

ÄSEN

Augen

Bezeichnungen für Jagd und Wild

WITTERUNG

BLUME

KIRRUNG

Schwanz des Feldhasen

SCHWEISS

HAUER

MÖNCH

Lockfütterung

SPRENGRUF

GEWAFF

Fell von Wildtieren

ein- bis zweijähriges Wildschwein

DECKE

WINDEN

Eckzähne im Unter- kiefer des Keilers

Ohren

LICHTER

Augen

LICHTER

fressen

ÄSER

WAFFEN

Kot

ÄUGEN

Klauen und Krallen von Tieren

Geruchssinn

Maul

schauen

JÄGERSPRACHE

Kampfschrei eines Platzhirschen

SPIEGEL

LOSUNG

LUDER

Hellfärbung am Hinterteil von Hirsch und Reh

ausgetretenes Blut des Wildtieres

riechen

ÜBERLÄUFER

totes Tier zum Anlocken von Raubtieren

geweihloser Hirsch

LAUSCHER

Nah&Frisch Karl Puntigam

Seit wann gibts euer Geschäft?

Karl Puntigam: Wir haben dieses Jahr unser 120-jähriges Bestehen gefeiert. Die Urgroßeltern meiner Frau Angelika haben damals eine Gemischtwarenhandlung und ein Gasthaus gegründet – genau an der Stelle, wo heute das Geschäft steht.


Ein stolzes Alter. Euer Erfolgsrezept?

Karl Puntigam: Das sind viele Faktoren. Zum einen kümmern wir uns ganz besonders um unsere Stammkunden. Die sind unsere „V.I.P.s“ und werden entsprechend behandelt. Zum anderen sind für uns auch die Gäste im Ort wichtig. Die freuen sich über unser Sortiment an Freizeitartikeln und die vielen regionalen bzw. lokalen Schmankerln.


Führt ihr Produkte aus’m Dorf?

Karl Puntigam: Wir haben ein sehr großes Weinsortiment von Winzern aus Tieschen. Vor allem Welschriesling, Chardonnay, Weißburgunder und Gelber Muskateller. Das ist wiederum ein Geben und Nehmen im Ort. Wir vertreiben die Weine und umgekehrt kommen die Winzer bei uns einkaufen.


Welche Rolle spielt die Nachhaltigkeit?

Karl Puntigam: Bei uns ist vieles schon selbstverständlich, was jetzt diskutiert wird. Wir haben eigene Jute-Einkaufssackerl, Gemüse und Salat kommen bei uns in kleinen Kartons, die sich die Kunden mitnehmen können. Und statt Frischhaltefolie aus Plastik bieten wir den Jaus’nwrap (siehe Seite 52) an.


Nah&Frisch Fam. Puntigam

Tieschen 12, 8355 Tieschen, Stmk.

www.nahund- frisch.at/de/kauf- mann/puntigam-angelika

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www.milka.at