Unterwegs in der Region

Geheimnisse

der Himmelsburg

Bei einer persönlichen Führung durch den Abt von Stift Göttweig lernt Kauffrau Doris Tury geheime Orte, faszinierende Geschichten

und die Gastfreundschaft der Benediktiner kennen.

Text: Marcus Fischer Fotos: Sebastian Freiler

Luftbild Stift Göttweig: Markus Haslinger/www.extremfotos.com

G

erade noch plaudern wir munter im Auto, plötzlich ein Aufschrei: Göttweig! Selbst aus dem Autofenster ist der Anblick imposant: Hoch auf

dem Berg thront das Stift in großartiger, freier Berglage. Halb wie ein Schloss, halb wie eine Festung wirkt das Bauwerk über der weiten Ebene. Kein Wunder, dass es von Besuchern in früheren Jahrhunderten „Kastell des Himmels“ genannt wurde.


Wie begrüßt man einen Abt?

Im Innenhof treffen wir Kauffrau Doris Tury aus dem wenige Kilometer ent- fernten Inzersdorf ob der Traisen. Doris ist Göttweig-Profi: „Wie oft ich schon da war? Das kannst gar nimmer zählen. Wenn meine Enkelin aus‘m Burgenland, die Fabienne, bei mir ist, heißts immer: ,Fahr ma nach Göttweig?‘ Und wenn ich sie frag, warum, heißt es: ,Ich möcht in die Kirche, da kann man richtige Mönche sehen.‘ Und der zweite Grund ist natürlich das Eis“, lacht Doris.


Es tut gut, der aufgeweckten Kauffrau zuzuhören und zu plaudern. Weil wir damit ein bisschen die Nervosität verscheuchen. Man ist schließlich noch nie einem Abt persönlich begegnet. In unserer Vorstellung ist er ein älterer, reser- vierter, vielleicht sogar strenger Herr. „Wie spricht man eigentlich einen Abt an?“, fragt Doris. Rasch wird gegoogelt: Kardinäle mit „Euer Eminenz“, Bischöfe mit „Euer Exzellenz“, einen Abt mit „Euer Gnaden“ – aber das war früher. Heute reicht einfach „Herr Abt“. Wir sind erleichtert. Dann geht die Tür auf und mit Schwung und einem Lächeln im Gesicht begrüßt uns Abt Columban Luser. „Was tu ma?“, fragt er uns. „Zu den geheimen Orten des Stifts solls gehen“, antwortet Pater Pius an seiner Seite, der für die touristischen Agenden im Kloster zuständig ist. Beide lachen. „Na, schau ma mal“, schmunzelt der Abt und im Nu ist jede Nervosität verflogen.


„Architektur gewordene Angst“

„Fang ma im Kräuter- und Marillengarten an“, schlägt Pater Pius vor, der mit flottem Schritt vorangeht. „Göttweig ist Architektur gewordene Türkenangst“, erzählt der Abt auf dem Weg zum Garten. Gegründet 1083, brannte das Benediktinerstift 1718 bei einem verheerenden Brand bis auf die Grundmauern nieder. Nur die Stiftskirche blieb erhalten. Mit dem Wiederaufbau wurde der berühmte „Festungsbaumeister“ Johann Lucas von Hildebrandt beauftragt. „Kein Wunder“, fährt der Abt fort, „damals lag der letzte Türkenfeldzug von 1683 nur eine Generation zurück. Da war die Angst enorm. Drum hat man richtige Bastionen vor dem Kloster errichtet. Über 500 Arbeiter waren damit beschäftigt.“


525.000 neue Ziegel

„Ihr müssts unbedingt unseren Marillensaft probieren“, schwärmt Pater Pius, als wir im Obstgarten angekommen sind. „Und den Marillenfrizzante“, ergänzt Doris, „der is a Hammer. Ich verbring ja praktisch jeden Muttertag da heroben“, sagt sie und deutet auf die Terrasse des Restaurants. Der Obstbau selbst sei aber nur ein winziger Teil der Landwirtschaft des Stiftes, schildert der Abt. Insgesamt beschäftige Göttweig rund 120 Angestellte – vom Stiftsmuseum über die Land- und Forstwirtschaft, den Weinbau bis hin zur Jagd und Fischerei, die allerdings großteils verpachtet seien. „Die Erlöse fließen in den Erhalt der Stiftsanlage.“ Und damit deutet der Benediktiner auf das neue Dach des Gebäudes. „525.000 Ziegel sind dafür verbaut worden. Wir haben eine Dachfläche von circa 150 Einfamilien- häusern.“ Erst kürzlich habe man die Originalfarben der Außenmauern – ein gedecktes Weiß und ein zartes Apricot – wiederentdeckt. Seither werde bei Renovierungen stets die originale Fassadenfarbe aufgetragen. „Das sind ordentliche Investitionen – und wir schauen natürlich auf Qualität. Weil wir ja für ganz andere Zeithorizonte bauen.“


Ein geheimer Ort

„Apropos. Jetzt wirds Zeit für ein echtes Stiftsgeheimnis.“ Wir folgen dem Abt in den ältesten Teil des Klosters: die Burg. Das wuchtige Gebäude aus dem 14. Jahrhundert beherbergt einen wahren Schatz: die „Graphische Sammlung“ des Klosters. „Die ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, sonst müssten wir ganz andere Präsentations- und Sicherheitsvorkehrun- gen treffen.“ Mit 30.000 Blättern ist sie die zweitgrößte graphische Sammlung Österreichs nach der Albertina und darf nur für wissenschaft- liche Zwecke genutzt werden. „Und selbst bei angeblichen Wissenschaftlern“, fährt der Abt kopfschüttelnd fort, „erlebt man seine Wunder. Leute, die sich als Forscher ausgeben und in einem unbeobachteten Moment eine Rasierklinge herausholen, um eine Seite aus dem Buch herauszuschneiden und einzustecken.“


Warum man ein Buch „aufschlägt“

Wir betreten einen Raum mit meterdicken Mauern und riesigen Schiebe- kästen, in denen die Grafiken aufbewahrt werden. In den Regalen an den Wänden stehen in dickem Schweinsleder gebundene Bücher, deren Rücken bis zu einem Meter hoch sind. „Das kannst ja nicht daheben“, sagt der Abt und nimmt ein etwas handlicheres Buch aus dem Regal. Es ist eine mittel- alterliche Handschrift auf Pergament, in Leder gebunden. Eigentlich müsste man sagen „geschnallt“, denn das Buch wird von zwei Lederriemen umspannt, die an einer Stelle fixiert sind. Der Abt schlägt mit dem Hand- ballen auf den Verschluss und die Riemen springen auf. „Daher kommt der Ausdruck ,ein Buch aufschlagen‘“, erklärt er und öffnet das Buch.


Heilige Schrift auf Tierhaut

Gemeinsam mit der Kauffrau und Pater Pius betrachtet er das wertvolle Schriftstück. „Die Seiten sind aus Pergament, also aus der gegerbten Haut von Kälbern, Ziegen oder Schafen. Die ist sehr gut haltbar und hat den Vorteil, dass man sie abschaben und neu beschreiben kann.“ Doris fährt mit dem Finger vorsichtig über die festen, fast wächsernen Seiten. „Ich hab noch nie so ein altes Buch in der Hand gehabt“, staunt sie, beeindruckt von der exakten, symmetrischen Schrift. „Das ist alles mit der Hand ge- schrieben – Gutenberg war zu der Zeit noch nicht geboren“, erläutert Pater Pius. „Mei Deutschlehrer hätt sei Freud gehabt – genauso akkurat haben wir auch schreiben müssen“, lacht die Kauffrau.


„Jetzt wirds laut“

Unsere nächste Station liegt in luftiger Höhe. Über eine enge Wendeltreppe besteigen wir den Glockenturm der Stiftskirche. „4.300 Kilo wiegt unsere Milleniumsglocke“, erklärt der Abt mit Blick auf das imposante Gusswerk von fast zwei Metern Durchmesser. „Die braucht sieben Minuten, um in Schwung zu kommen.“ Pater Pius taucht den Klöppel händisch an. Vier, fünf Male braucht es, bis sich der 250 Kilo schwere Eisenklöppel der Glockenwand genähert hat. Dann der Schlag: ein Dröhnen in den Ohren und ein Vibrieren im Körper, das wir bis in die Zehen spüren. „Drum ist der Glockenstuhl auch nicht in der Mauer verankert, sonst würden die Schwingungen den Glockenturm in kürzester Zeit zum Einstürzen bringen“, erläutert der Abt. Zu einem dramatischen Unfall sei es vor zwei Jahren gekommen. „Der Klöppel muss geschmiedet werden, ist aber offenbar gegossen worden. Im Laufe der Zeit hatte er Haarrisse bekommen. Mitten im Läuten ist er abgerissen, hat den Holzboden durchschlagen und ist mit seinen 250 Kilo in die Tiefe gerast. Gott sei Dank war zu der Zeit niemand im Glockenturm …“ Wir werfen noch einen Kontrollblick auf den gewaltigen Klöppel und steigen den Turm wieder hinunter.


Das Klosterleben und das Lesen

Derzeit leben 42 Benediktinermönche im Kloster. „Um sechs Uhr früh treffen sich die Patres zum Morgengebet in der Chorkapelle“, schildert Abt Columban, während wir hinter dem Altar vorbei in die besagte Kapelle gelangen. „Insgesamt fünf Mal am Tag wird gemeinsam gebetet.“ Dazwischen gehen die Mönche ihrer jeweiligen Arbeit nach – gemäß der Regel „ora et labora“ (bete und arbeite) des heiligen Benedikts. „Weniger bekannt ist aber der dritte Teil der Regel“, ergänzt der Abt. „,Ora et labora et lege‘, also ,bete und arbeite und lies‘ – und da halten wir uns heute noch dran. Jeder Pater im Stift hat von 8 Uhr bis 8:30 Uhr Lesezeit. Außerdem wird jeden Tag beim gemeinsamen Mittagessen ein Buch laut vorgelesen, aber nur während der Suppe. Den Rest der Mahlzeit verbringen wir schweigend. Am Freitag wird während des gesamten Essens vorgelesen. Das ist dann besonders spannend, weil man immer schon wissen möchte, wie’s weitergeht“, lacht der Abt. „Einmal haben wir die Biografie von Martin Luther gelesen, im Moment ist die Geschichte von Óscar Romero dran, dem ehemaligen Erzbischof von San Salvador, der von den Militärs ermordet wurde. Das ist erschütternd und öffnet einem zugleich die Augen für die Welt.“


Wenn der Kaiser gekommen ist, …

Pater Pius führt uns weiter zur letzten und imposantesten Station unserer Führung – in die Kaisergemächer des Stiftes. „Wenn die kaiserliche Familie unterwegs war, ist sie natürlich nicht in Gasthöfen oder Herbergen abge- stiegen, sondern hatte das Recht, in Klöstern zu übernachten. Dafür musste man entsprechende Räumlichkeiten schaffen.“ Wie diese auszusehen hatten, wird uns beim Anblick der „Kaiserstiege“ klar: Über drei Geschoße windet sie sich empor, so breit, dass gut vier oder fünf Leute nebeneinander hinaufschreiten können. „Die einzelnen Stufen sind sehr niedrig, damit die Damen, die damals Reifröcke trugen, beim Hinaufschreiten nicht ihre Knöchel entblößten“, erzählt Pater Pius, während wir hinaufgehen. „Knöchel zu zeigen, galt damals nämlich als äußerst unschicklich.“ Als wir den Kopf heben und an die Decke schauen, haben wir den Eindruck, direkt in den Himmel hineinzuspazieren. Ein gewaltiges barockes Deckenfresko vermittelt die perfekte optische Täuschung eines gewölbten Himmels, in dessen Mittelpunkt Kaiser Karl VI. in Gestalt Apolls im Triumphwagen über das Firmament fährt.


… wars fürs Kloster eine Katastrophe

„Rein praktisch war der Besuch der kaiserlichen Familie für das Kloster eine Katastrophe. Der gesamte Hofstaat musste untergebracht und versorgt werden. Da kann man sich vorstellen, was das für ein Aufwand war. Jeder im Stift war eingebunden, damit alles funktioniert hat“, erzählt Pater Pius. Mittlerweile haben wir die kaiserlichen Gemächer erreicht. Im letzten Raum steht ein kleines Bett. „Das ist das sogenannte Napoleonzimmer“, erläutert der Pater. „Es wurde während der französischen Besetzung für den Feldherrn vorbereitet. Und Napoleon war tatsächlich hier heroben, – zum Schlafen ist er aber zu seinen Truppen ins Feld gegangen. So wurde das berühmteste Bett des Stifts nie von seinem Namenspatron benutzt.“


Marillenknödel und andere Gedichte

„So, jetzt gemma aber essen“, sagt Pater Pius und spricht uns damit aus der Seele. Als Begleitung zum Essen verkosten wir den Marillensaft – ein Traum, als Nachtisch die Marillenknödel – ein Gedicht! „I bin ja ein sehr neugieriger Mensch“, beschreibt Doris ihre Eindrücke von der Führung, „und das mittelalterliche Buch und der Glockenturm, das war schon ein Wahnsinn. Weil man das ja normal gar nicht zu sehen bekommt. Was mir aber auch total getaugt hat, war die Herzlichkeit der beiden Herren. Und glernt hat man auch was.“ Wie zum Beweis verabschieden sich wenig später Abt Columban und Pater Pius mit einem herzlichen „Pfiat eich!“ und dem Nachsatz: „Ihr wissts eh, dass das eigentlich ,Behüte euch Gott‘ heißt. Aus ,Bhiad eich Gott‘ ist ,Pfiat eich Gott‘ und dann ,Pfiat eich‘ geworden. In diesem Sinne: ,Behüte euch Gott!‘“

www.stiftgoettweig.at

Die neue Fassade des Turms in den Originalfarben.

Gut gelaunt durch den Marillengarten des Stifts: Pater Pius, Kauffrau Doris Tury und Abt Columban Luser.

Staunen über mittelalterliche Präzision: eine Handschrift aus der Graphischen Sammlung des Stifts.

Die Stiftskirche Mariä Himmelfahrt wurde im 11. Jhdt. errichtet und später barockisiert. Die ungewöhnlich farbige, bläulich-weiße Innengestaltung

stammt aus dem 19. Jhdt.

In der Chorkapelle hinter dem Altar der Stiftskirche beten die Benediktinerpatres fünf Mal am Tag. Aber auch das Stift betreffende Entscheidungen werden hier gemeinsam getroffen.

Berührt der 250 Kilo schwere Klöppel die Glockenwand,

gehts einem durch Mark und Bein.

Das berühmte „Napoleon-Zimmer“samt Bett für den Feldherrn, in dem er nie geschlafen hat.

Blickt man von der Kaiserstiege zur Decke empor, glaubt man, in einen weit gewölbten Himmel zu schauen. Im Mittelpunkt des Freskos thront Kaiser Karl VI. als Sonnengott Apoll.

Die Kaiserfamilie hatte das Recht, auf Reisen jederzeit in einem Kloster zu übernachten. Entsprechend prunkvoll ist der Kaisertrakt des Stifts gestaltet.




Doris Tury und Pater Pius stoßen auf die beeindruckende Führung – und auf ihre Marillenknödel – an.

Nah&Frisch Kauffrau Doris Tury

Als Kauffrau muss man …

Doris Tury:eine ganz besondere Liebe haben – und einen ganz besonderen Vogel (lacht). Sonst machst es nicht. Und beides ist wichtig. Bei mir gibts nichts, was es nicht gibt. Wenn ein Kunde z. B. die Bauernbutter aus Dradegist möchte, weil die so gut ist, besorg ichs ihm. Und wenn ich selber hinfahr. Du musst halt immer schauen, was gebraucht wird. I pack auch die Geschenke ein für die Männer, die a bissl unbeholfen sind, was das angeht. (lacht)


Im Ort …

Doris Tury: … ist es ein Geben und Nehmen. Es kommt so viel zurück. Auch von der Gemeinde und von den Vereinen: Wenns Festln oder Veranstaltungen gibt, bin ich dabei – mit Brötchen, mit Getränken, alles, was gebraucht wird. Das sind ganz wichtige Umsätze für uns. Außerdem machts Spaß, weil alle mittun.


Aus’m Dorf …

Doris Tury: … kommen bei mir die Äpfel, der Wein und das Fleisch – direkt vom Bauernhof: Gselchtes, Blunzn, Saumaisen, Schinken.


Das Liebste …

Doris Tury: … im Gschäft sind mir die Kinder. Stellts euch vor, vor Kurzem hat sich ein Bub zum Geburtstag gewünscht, bei mir zu frühstücken. „Ich will nicht zum Mäki, ich will zur Doris“, hat er gesagt. Da geht dir das Herz auf.

Nah&Frisch Tury

3131 Inzersdorf ob der Traisen,

Dorfstraße 23, NÖ

www.nahundfrisch.at/de/kauf- mann/doris-tury

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www.lenzmoser.at