Wildwuchs erwünscht: Einmal ausgesät, suchen sich die Kräuter von Simone Knitel ihr eigenes Platzerl im Garten. „So entwickeln sie mehr Energie und Wirkstoffe“,

erklärt sie Kaufmann Andreas Knitel.

Gutes aus der Region

Die Kraft der Kräuter

Kräuter haben Simone Knitel schon als Kind fasziniert. Eine schwere Krankheit hat sie dazu gebracht, ihre Leidenschaft zur Berufung zu machen.

Text: Isabelle Cerha Fotos: Simon Egle

Ü

ber Warth am Arlberg führt uns die einzige Straße durch das impo- sante Lechtal. Links und rechts ragen mächtige Gipfel in den Himmel,

tief unter uns in der Talenge fließt der Lech. Wir passieren kleine Orte mit reich verzierten Bauernhäusern und imposanten Dorfkirchen, dann erreichen wir Holzgau am Fuße des 2.656 m hohen Krottenkopfs. Freundlich begrüßt uns Simone und führt uns gleich zu ihrem „Heiligtum“ hinter das Haus. Von einem Holzzaun umgeben, herrscht im Inneren des Kräutergartens natürliche Wildnis. „Die Pflanzen wachsen bei mir, wie sie wollen. Für jemand anderen schaut das vielleicht chaotisch aus, aber ich weiß genau, wo sie stehen“, lacht Simone. Hier, aber auch in den angrenzenden Wiesen und auf den Almen sammelt sie ihre Lieblinge.


Von Ostdeutschland nach Tirol

Schon als Kind sammelte sie ihre ersten Erfahrungen mit Kräutern – in Kromlau in der Lausitz, wo sie aufwuchs. Als Strafe ließ sie ihr Vater das Unkraut auf dem Vorplatz pflücken. Für sie war es damals schon kein Unkraut, neugierig erkundigte sie sich, was das eigentlich für Pflanzen seien, und erfuhr, dass der Breitwegerich eine sehr robuste Pflanze ist, weil er immer wieder „breitgetreten“ wird. Und dass dies zu Wachstum führt und die Pflanze deshalb eine stärkende Wirkung auf den Menschen haben kann. Viele Jahre später, nachdem sie ihre Ausbildung zur Gesund- heits- und Krankenpflegeschwester absolviert hatte, erfüllte sie sich einen Traum und fuhr nach Tirol, das sie nur aus Büchern kannte. Sie kam nach Holzgau – und blieb. Für sie ist der Ort bis heute der schönste Fleck auf der Erde.


Leben mit dem Jahr

„Jede Jahreszeit gibt mir meinen Rhythmus vor. Ich höre die Bienen summen, während sie meine Pflanzen bestäuben. Im Frühling habe ich Zeit, meinen Garten zu richten, im Sommer führe ich Menschen durch die Wiesen. Im Herbst ernte ich meine Saat und im Winter komme ich zur Ruhe und ver- arbeite meine Lieblinge“, schwärmt die Kräuterfrau. Während sie uns ihre prachtvoll blühenden Thymian- und Lavendelstauden, ihre Ringelblumen und den für sie besonders kostbaren Girsch zeigt, erzählt sie von jenem Ereignis, das sie dazu brachte, aus ihrer Leidenschaft eine Berufung zu machen.


Eine Krankheit weist den Weg

Vor vielen Jahren habe sie eine akute Angina tonsillaris (eitrige Mandel- entzündung) gehabt. Während die Krankheit bei Kindern relativ glimpflich verläuft, kann sie bei Erwachsenen sehr langwierig werden. So war es auch bei ihr. Ihr wurden drei verschiedene Antibiotika verschrieben, doch keines half. Obwohl sie sich damals schon mit Heilkräutern beschäftigte, war ihr bis dahin noch nie der Gedanke gekommen, auch bei schweren Erkrankungen den pflanzlichen Heilkräften zu vertrauen. Doch ihr Zustand verschlechterte sich weiter. Als sie immer schwächer wurde, ging sie in ihrem Bücherregal auf die Suche. Sie las stundenlang in ihren Büchern über Kräuterheilkunde und schritt dann zur Tat.


Sechs Kräuter führten zur Heilung

Sie bereitete sich eine Teemischung aus Huflattichblüten (krampflösend, schweiß- und harntreibend, schleimlösend, auswurffördernd und husten- lösend), Schlüsselblumenblüten (ähnliche Wirkung, zusätzlich herzstär- kend), Spitzwegerich- und Breitwegerichblättern (heilend, stärkend und blutreinigend), Ringelblume (antiseptisch) und Johanniskraut (entzün- dungshemmend, nervenstärkend). Immer wieder kochte sie sich den Tee frisch auf, trank ihn mehrmals täglich. Bald schon fühlte sie sich gekräftigt, nach einigen Tagen trat eine deutliche Besserung ein und nach zehn Tagen war Simone komplett von ihrem Leid befreit. Von da an stand ihr Ent- schluss fest, ihr Wissen zu vertiefen und zu ihrem Lebensinhalt zu machen.


Keine Konkurrenz zur Medizin

Simone machte sich auf die Suche nach einer „Kräuterhexe“, von der sie lernen konnte. Das war nicht einfach, denn nur noch wenige im Tal wussten um die Wirkung der Kräuter. Schließlich fand sie eine Frau, die ihr Wissen weitergeben wollte. „I sogs da gern, oba koana glaubt do daron“, sagte die alte Frau damals zu ihr, und wissbegierig lernte sie von ihr, belegte jeden nur erdenklichen Kurs und lernte die Natur mit ihren Kostbarkeiten kennen. Heute kennt und schätzt man Simone Knitel und ihre „Lechtaler Kräuter- werkstatt“ weit über die Grenzen von Holzgau hinaus.


Wichtig ist ihr, nicht als Medizinfrau zu gelten oder gar als Alternative zum Arzt. Sie möchte den Menschen lediglich die mögliche Wirksamkeit der Kräuter vermitteln. Und damit das vergessene Wissen auch allgemein zugänglich wird, hat sie die „Lechtaler Kräuterhexen“ gegründet. Der Verein bietet Kräuterwanderungen an und nimmt an verschiedenen Märkten in der Region teil. Dort werden Heiltees, Kräutersalze und Duftsträußchen verkauft, aber auch Fragen zu Heilkräutern und ihren Wirkungen beant- wortet. Mittlerweile sind Simones Kräuter und Kräuterprodukte auch bei Nah&Frisch Kaufmann Andreas Knitel in Holzgau erhältlich.


In der Kräuterwerkstatt

Zum Schluss führt uns Simone in ihre Kräuterwerkstatt im Keller des Hauses. Schon auf der Treppe nach unten kommt uns der würzige Duft der Pflanzen entgegen. Wir betreten einen halbdunklen, warmen Raum. „Das Klima ist perfekt für die Kräuter“, erklärt Simone. Hunderte Gläser mit getrockneten Kräutern, verschiedensten Salzen und Ölen stehen in den Regalen. Simone öffnet die Verschlüsse und lässt uns an ihren Kräutermischungen schnuppern – manche verströmen einen geheimnis- vollen Duft. „Früher habens die Kräuterhexen verbrannt“, lacht Simone, „heute sind die Leute froh und dankbar dafür, dass wir das Wissen bewahren und weitergeben.“

www.lechtaler-naturwerkstatt.com

Der Blutweiderich kann zum Stillen von Blutungen eingesetzt werden – entweder als Saft oder als Tee, mit dem man die Wunde betupft. Im Gar- ten ist er ein wahrer Bienenmagnet.

„Dem Fröhlichen ist jedes Unkraut eine Blume, dem Betrübten jede Blume ein Unkraut.“

Simone pflückt Labkraut, das früher zur Käseherstellung verwendet wurde. Sie selbst füllt damit Kräuterkissen, da der blumig-herbe Duft der Pflanze

angenehm beruhigend wirkt.

„Obacht geben muascht, weil sunscht olle glei bös readn!“

„Früher habens Kräuterhexen verbrannt. Heute sind die Leute froh, dass wir das Wissen bewahren.“

SCHAFGARBE


VORKOMMEN: Wächst vom Flachland bis auf 2.500 Meter. Schafe fressen das Kraut bei Erkrankung.


BEDEUTUNG: „Garbe“ geht auf das althochdeutsche „Garve“ zurück und bedeutet „gesund machen“. Sie ist eine Symbolpflanze für Schutz und körperlichen Gleichklang. Alle Pflanzen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft profitieren von ihr, zum Beispiel in Form von starkem Wachstum.


WIRKUNG: Sehr gut bei Magenschmerzen. Regt die Verdauung an, lindert Menstruationsbeschwerden.

SPITZ- UND BREITWEGERICH


VORKOMMEN: Fast überall zu finden.


BEDEUTUNG: Der Breitwegerich ist eine Trittpflanze, er muss betreten werden, um sich zu vermehren. Das ständige Aufrichten symbolisiert Widerstandsfähigkeit, Standhaftigkeit und wirkt auf das Immunsystem aufbauend.


WIRKUNG: Er lindert Erkrankungen, die auf dem Weg entstehen: Insektenstiche, kleinere Verwundungen und Blasen. Bei heißen Fußsohlen oder heißer Stirn einfach zum Abkühlen

auflegen.

GUTER HEINRICH


VORKOMMEN: Leider schon sehr selten geworden und sollte daher nicht wild gesammelt werden. Früher war er an Straßenrändern, Schuttplätzen oder Ställen zu finden.


BEDEUTUNG: Vorzügliches Wildgemüse, auch als Wilder Spinat bekannt. Reich an Vitaminen und Eisen.


WIRKUNG: Kommt bei Eisenmangel, Rheuma und Verstopfung zum Einsatz.

THYMIAN


VORKOMMEN: Der Thymian stammt aus dem westlichen Mittelmeerraum und war schon bei den Ägyptern, Griechen und Römern beliebt.


BEDEUTUNG: Thymian wurde zur Arzneipflanze des Jahres 2006 gewählt.


WIRKUNG: Er treibt bei Husten und Bronchitis den Schleim aus dem Körper, stärkt Brust und Lunge, wirkt antibakteriell und entzündungshemmend.

Illustrationen: Wikimedia Commons

Kräuterprodukte

aus Simone Knitels

„Lechtaler Kräuterwerkstatt“ gibts u. a. bei Nah&Frisch Kaufmann Andreas Knitel

in 6654 Holzgau, T.

Der hats

Zur Vollansicht bitte antippen.

www.land-leben.com