Unterwegs in der Region

Die Meister

der Entschleunigung

Alpakas, die zweite: Nachdem wir die charismatischen Tiere im letzten Heft von ihrer „wolligen“ Seite vorgestellt haben, widmen wir uns nun den Alpakas als Wanderbegleiter.

Text: Marko Locatin Fotos: Sebastian Freiler

E

s ist ein sonniger Tag im Frühherbst, als wir um die Mittagszeit den Alpakahof Hahn in Kleinnondorf erreichen. Der Himmel strahlt blau, die

Luft ist erfrischend klar. Hier, im kühlen Waldviertel in der Nähe von Zwettl, lebt Maria Hahn mit ihrem Mann Alexander und den zwei gemeinsamen Söhnen Fabian und Jonas. Einige Kühe grasen entspannt auf der Weide, von der Weite dringt das Grunzen von Schweinen an unsere Ohren. Wir aber sind der Alpakas wegen gekommen, deren Gehege hinter dem Hof liegt. Als wir daran vorbeigehen, ernten wir zur Begrüßung skeptische, aber auch neugierige Blicke von Paddy, Roberto und Lero. Im Hof erwarten uns schon Maria Hahn und Nah&Frisch Kauffrau Andrea Wagner. Die beiden begrüßen uns bestens gelaunt – und damit kann unsere Alpaka-Wanderung losgehen.


Gemeinsam statt einsam

„Erst müssen die Alpakas angeleint werden“, erklärt Maria, der wir diese Auf- gabe gerne überlassen, denn ganz geheuer sind uns die domestizierten Kamele noch nicht – was auf Gegenseitigkeit beruhen dürfte. „Ihr müsst vorsichtig sein. Das Alpaka is nämlich ein Fluchttier. Sobald Gefahr droht, rennt es weg, und wenn es sich ärgert, spuckt es schon einmal“, weist uns Maria ein. „Es gibt eine Rangordnung. Paddy is der Chef. Den müss ma zum Spazieren als Ersten anleinen. Dann wissen die anderen, es passiert nichts, und gehn auch mit. Einzeln bringt man sie nicht aus dem Stall. Die gehn nur zu dritt, sogar ihr Gschäft verrichtens zusammen“, lacht Maria. Nach dem Prozedere, das rund 15 Minuten dauert, ist klar: Schnell geht mit den gemütlichen Alpakas nichts. Ihre Ruhe und Gelassenheit wird sich nach einiger Zeit auch auf uns gestresste Menschen übertragen.


Nur ka Stress

Jetzt gilt es aber erst einmal das Vertrauen der eigenwilligen Vierbeiner zu gewinnen – was gar nicht so einfach ist. „Es kann schon eine Weile dauern, bis sie sich angreifen lassen“, so Maria Hahn. „Aber jedes Tier reagiert anders.Und das ist gut so. Die Leute sollen einfach runterkommen von ihrem Stress. Das is unser Anliegen hier.“ Roberto jedenfalls heißt jenes 6-jährige Männchen, das Kauffrau Andrea auf ihrer ersten Alpaka- Wanderung für die nächsten zwei Stunden begleiten wird, mein persönlicher Anti-Stressbeauftragter ist der 6-jährige Lero, während Maria Hahn den Chef der Truppe, den 2-jährigen Paddy, ausführt. Diese Rangordnung wird während des gesamten Spaziergangs penibel eingehalten. Maria geht mit Paddy voran, dann folgen Andrea und Roberto, ich bilde mit Lero die Nachhut. Das Tempo bestimmen nicht wir, sondern die Alpakas.


Alles geht nach Paddy

Oft hält Paddy am Wegesrand, um ein wenig frisches Gras zu naschen – oder einfach nur, weil ihm gerade danach ist –, worauf auch die anderen beiden innehalten, um geduldig zu warten, bis der Chef Paddy wieder weiterspaziert. Gras ist das Hauptnahrungsmittel der Alpakas, Soja und Vitamine in Form von Leckerlis dienen als Belohnung. Wer sich denn für Alpaka-Wanderungen interessiere, wollen wir wissen. „Wir haben Kinder, Pensionisten, quer durch die Bank“, erzählt Maria. „Es kommen auch Menschen von der Caritas und Menschen mit Behinderungen, also mit besonderen Bedürfnissen.“ Besondere Bedürfnisse haben auch die Alpakas. „Wenn dem Paddy was gfällt, haut er sich rein und wälzt sich. Oder der Roberto: Da gibts im Wald Stellen, da muss er einfach reingehen. Der Lero is auch eigen, der muss immer hinten als Letzter gehen.“ So bummeln wir, es muss wohl ein lustiges Bild abgeben, entschleunigt durch die Landschaft und bekommen mit der Zeit ein Gefühl für die Alpakas und ihr Tempo.


Weibchen auf „Sexurlaub“

Elf Alpakas – sechs männliche, vier weibliche und ein Alpaka-Baby namens Ella – bewohnen derzeit den Hof der Hahns. „30 sollen es später einmal werden,“ sagt Maria, während wir wieder einmal halten und warten, bis Paddy sich erneut in Bewegung setzt. Die domestizierten, aus Peru stammenden Kamele sind – wie wir bemerkt haben – nicht nur eigenwillig, sie sind auch kostbar. Im Vergleich zu Rindern, Schweinen oder Pferden ist die Alpaka-Zucht extrem aufwändig. Es gibt keine künstliche Befruchtung, alles muss natürlich geschehen. Auch die Schwangerschaft selbst ist heikel. Die Weibchen tragen elfeinhalb Monate aus, jedes dritte Junge verlieren sie in dieser langen Zeit. Bereits eineinhalb Monate nach der Geburt sind sie wieder empfängnisbereit. „Die Männer wollen aller- weil huckepack machen (Anm: die Jungtiere besteigen)“, lacht Maria, „aber die Weiberln wollen des net. Die sind ja fast immer schwanger. Dann treten und spucken sie. Des is unser Schwangerschaftstest. Deshalb wandern wir nur mit den Männchen, die Weiberln wollen ja ihre Ruh. Und daher halten wir sie auch getrennt.“ 15 oder mehr Junge gebiert ein Alpaka-Weibchen im Laufe seines rund 20-jährigen Lebens. „Bei dem gerade geborenen Alpaka-Baby Ella verlief alles reibungslos“, sagt Maria stolz. Ein bisschen helfen die Hahns aber der Natur doch nach, wie Maria uns schmunzelnd verrät: „Jetzt habn wir die Weiberln auf Sexurlaub an einen andren Hof geschickt. Wir schauen, was da rauskommt. Dort gibts einen schwarzen Hengst. Alpakas gibt es ja in zwölf verschiedenen natürlichen Farben.“


Wertvolle Wolle

Auf dem Hof der Hahns werden die Tiere nicht nur als Wanderbegleiter, sondern auch wegen ihrer kostbaren Wolle gehalten. Einmal im Jahr, gegen Mitte Mai, wenn der letzte Frost endgültig dem Frühling Platz ge- macht hat, reist der Scherer an, um die Alpakas von ihrem dichten Haar- kleid, auch Vlies genannt, zu befreien. Dabei muss jeder Handgriff sitzen, denn aus der wertvollen Wolle wird Garn gewebt, und je länger dieses Garn ist, desto besser und flexibler lässt es sich verarbeiten. Deshalb über- lassen die Hahns dieses Handwerk lieber einem Profi. „Der macht das in 6 bis 7 Minuten pro Tier. Wir würden da ewig brauchen“, so Maria, die Paddy schnell ein Leckerli zusteckt, um ihn zum Weitergehen zu bewegen.


Bei der Wolle gilt es, drei Qualitäten zu unterscheiden, wobei die erste – die beste – vom Rücken der Tiere stammt. Daraus wird alles gefertigt, was man am Körper trägt. Also Schals, Hauben oder Handschuhe. Die zweite Qualität – die Wolle vom Körper – wird in Bettdecken verarbeitet, die im Sommer angenehm kühlen und im Winter wohlig warm halten. Von den Beinen und vom Kopf schließlich kommt die dritte Qualität, die meist zu Filzeinlagen verarbeitet wird. Im kleinen Hofladen und auf der Website der Hahns (www.alpakahof-hahn.at) kann man die Produkte aus Alpaka- wolle auch gleich erwerben – genauso wie im Nah&Frisch Geschäft von Andrea Wagner in Großgöttfritz.


Total beruhigend

Als wir wieder einmal stehen und warten, bis Paddy so weit ist, streicht Andrea durch das seidig weiche Haar des scheuen Roberto: „Ma, is des cool“, strahlt sie. Ich hatte da weniger Glück mit meinem Nachzügler Lero, der auf meine diskreten Annäherungsversuche deutlich zurückhaltender reagierte. Als wir wieder in den Weg zum Hof ein-biegen, staunen wir. Statt der gefühlten Stunde waren über zweieinhalb Stunden vergangen. Andrea, immer noch tiefenentspannt, ist von den Alpakas rundum begeistert: „Total beruhigend. Mei Gschäft is ja nur zehn Kilometer entfernt. I werd des sicher wieder mochn“, meint sie, legt sich noch rasch einen Schal um und lacht: „Den nehm i glei mit, des is a supa Weihnachtsgschenk.“

Sanfte Hügel, weiter Himmel: Die domestizierten Kamele aus den südamerikanischen Anden fühlen sich wohl in ihrer neuen Heimat, dem kühlen Waldviertel.

Nach einer Zeit überträgt sich die Ruhe auf den Menschen.

Gesunde Bestechung: Wenns mal wieder nicht so richtig weitergeht, hilft garantiert ein Leckerli.

Der Mensch hält die Zügel, das Tempo aber bestimmt das Tier: Maria Hahn unterwegs mit „Chef Paddy“ (links), dicht gefolgt von Kauffrau Andrea Wagner mit Alpaka Roberto.

Führungskräfte unter sich: Alpakahof- Chefin Maria Hahn und „Chef Paddy“.

Getrennte Betten: Die Alpaka-Weibchen brauchen ihren eigenen Lebens- raum und werden von den Männchen getrennt gehalten. Sie sind fast das ganze Leben lang trächtig.

Du bist seit fast acht Jahren Kauffrau. Wie kams dazu?

Andrea Wagner: Ich woar schon fünf Jahr Filialleiterin von der Firma Kastner aus. Vor etwas über zwei Jahren hab ich das Gschäft in Großgöttfritz dann übernommen.


Was mögen deine Kunden besonders gern?

Andrea Wagner: (lacht) Uns natürlich! Der haße Leberkäs und die warmen Schnitzelsemmeln gehen bei uns im Gschäft besonders gut. Und jeden Mittwoch gibts eine selbstgmachte Gulaschsuppn. Von mir. Mit Würsteln. Das lieben die Kunden heiß. Am Montag hab i Fleischlaberln, die kommen auch sehr gut an.


Eurer Gschäft ist aber auch ein beliebter Treffpunkt, hab ich gehört?

Andrea Wagner: Des stimmt. Jeden Tag kommt eine Damenrunde zwischen 9 und 10 und trinkt Kaffee bei uns. Wenn eine Geburtstag hat, gibts natürlich Blumen und Sekt – aufs Haus. Es kommen auch Arbeiter aus der Umgebung und holen sich Wurstsemmeln oder trinken nach der Arbeit ein Bier.


Woher kommen eure Produkte?

Andrea Wagner: Vom Ort hier sind die Erdäpfel oder Produkte mit Mohn, zum Beispiel Mohnzeltn. Unser Gebäck kommt von Haubi und vom Bäcker aus’m Dorf. Das Donaulandfleisch beziehen wir von der Firma Kastner. Außerdem beliefern wir die Schule und den Kindergarten mit Jausn. Mir ist wichtig, dass die Kinder gsund essen. Kornspitz, Käse, Obst und Fruchtsäfte.

Nah&Frisch Wagner

3913 Großgöttfritz, Nr. 47, NÖ

www.nahundfrisch.at/de/kaufmann/wagner

Nah&Frisch Kauffrau Andrea Wagner

Zur Vollansicht bitte antippen.

www.roemerquelle.at

Zur Vollansicht bitte antippen.

www.kontanyi.com