Unterwegs in der Region

Rotwildfütterung

im Gesäuse

Wie das Rotwild den Winter übersteht, was ein Spießer ist und warum eine Ruhestörung des Wildes in der kalten Jahreszeit mitunter lebensgefährlich sein kann, erfährt Nah&Frisch Kauffrau Hermi Podratzky aus erster Hand.

Text & Fotos: Martin Huber

E

s ist bitterkalt und mucksmäuschenstill in der kleinen Hütte. Fiele jetzt eine Stecknadel zu Boden, würde man das tatsächlich hören. Kauffrau

Hermi Podratzky steht vor der Scheibe am Fenster. Mit dem Fernglas beobachtet sie gespannt das Geschehen am frisch verschneiten Gegenhang. Kein Wort. Kein Laut. Jedes Geräusch würde die gewünschten Gäste erschrecken. Offenbar sind die ersten von ihnen nun im Anmarsch. „Tock-tock-tock-tock-tock!“ Das Rat- tern eines Traktor-Dieselmotors durchbricht jäh die Stille und wird von Sekunde zu Sekunde lauter. Dann passiert etwas Kurioses: Während der Traktor mit ge- trocknetem Heu auf seinem Frontlader näher kommt, taucht immer mehr Wild am Gegenhang auf. „Das sind mindestens schon zwanzig“, flüstert Hermi. Das Motorengeräusch des Traktors übertönt ihre Worte, die scheuen Tiere betrach- ten das Fahrzeug offenbar als „Freund“. Viele von ihnen eilen jetzt herbei, von vorsichtiger Annäherung keine Spur mehr.


Erste Rotwildfütterung

Es sind etwa 90 Hirsche und Hirschkühe, die zwischen Ende Oktober und Mitte April regelmäßig zur Fütterung beim Gstatterbodenbauer kommen. Das Gelände liegt auf einer einsamen Hochfläche am Fuße des Buchsteinmassivs im National- park Gesäuse. Im Jägerhaus, das sich etwas abseits der Wildfütterung befindet, ist Christian Mayer mit seiner Frau Maria zu Hause. Seit 1984 betreut der Be- rufsjäger für die Steiermärkischen Landesforste das Revier Gstatterboden. Heute hat er Hermi zur Beobachtung der Rotwildfütterung eingeladen, die er zum größten Teil per Traktor durchführt. Für die sportliche Kauffrau aus Kalwang ist es eine Premiere: „Wildtiere faszinieren mich schon seit meiner Kindheit. Eine Rotwildfütterung habe ich bisher aber noch nie miterlebt.“


Boris, Ignaz und die anderen Hirsche

Mittlerweile macht sich ein stattlicher Hirsch an einem Heuhaufen zu schaffen. Deutlich erkennbar beansprucht er diesen Platz für sich. Seine Artgenossen halten diszipliniert Abstand. Im Hintergrund befüllt Christian hölzerne Futtertröge mit Heu und Maissilage. Immer mehr Tiere kommen nun vom Gegenhang zur Fütterung. Das Geräusch des Traktors und Christians Arbeit mit der Schaufel scheinen sie nicht im Geringsten zu stören. Das eine oder andere Mal muss ihnen der Jäger auf seiner Fahrt sogar ausweichen. Dann lässt er die Tiere äsen und fährt in Richtung der kleinen Hütte, von der aus Hermi das Wild beobachtet. Vor dem Eingang stellt er den Traktor ab, lässt den Motor allerdings laufen. „Die Tiere sind den Traktor und meine Anwesenheit gewöhnt. Würde ich jetzt den Motor abstellen, wären sie sofort viel vorsichtiger. Sie würden bemerken, dass etwas anders ist. Jeder unerwartete Laut, jedes Knacken, Knistern oder gesprochene Wort könnte sie dann erschrecken“, erklärt Christian. Und tatsächlich: Das Wild frisst seelenruhig aus den Futtertrögen und vom Boden. „Das hier ist der Ignaz, und der dort drüben heißt Boris. In meinem Revier hat jeder Hirsch einen Namen. Schließlich begegnen wir uns in der kalten Jahreszeit täglich“, erzählt Christian lächelnd.


Füttern für Wild und Wald

Mutter Natur hat das Rotwild gut an die Herausforderungen des Winters angepasst. Lebensfeindliche Einflüsse wie Kälte und Nahrungsengpässe meistern die Tiere mit der vorübergehenden Einstellung ihres Wachstums, dem Abbau von im Sommer angesammelten Fettreserven und der Ein- schränkung von Bewegung auf das Allernotwendigste. „Das Füttern des Rotwilds erfüllt zwei wichtige Zwecke“, erläutert der Berufsjäger. „Einerseits hilft es den Tieren, die schwere Zeit bis ins Frühjahr gut zu überstehen. Andererseits beugt es auch Schäden in der Forstwirtschaft vor. Ohne Fütte- rung würde das Rotwild nämlich dem Wald durch Verbiss und Schälen von Bäumen schaden.“ Dann lädt Christian die Kauffrau ein, ihn auf dem Trak- tor zu begleiten. Die beiden verlassen – gemustert von interessierten Hirsch- und Hirschkuhblicken – die Fütterung und fahren ein Stück berg- wärts. Christian stellt den Traktor ab, sie steigen herunter und stapfen eini- ge Meter durch den frischen Neuschnee zu einer großen Beobachtungshüt- te. Hier lagert er luftgetrocknetes Bergheu, Gras- und Maissilage: „Als Wie- derkäuer braucht das Rotwild Futter mit hohem Raufaseranteil. Daher kommen Heu und Grassilage den ganzen Winter in die Futterstellen. Wenn der Energiebedarf weiter steigt, wird noch etwas Maissilage ergänzt.“


Das Geweih: ein Wunderwerk der Natur

Neben einem beeindruckenden Panoramablick über das Gelände der Wildfütterung bietet die Beobachtungshütte in Gstatterboden einen besonderen Schatz: Hier sind alle Abwurfstangen eines Hirsches zu sehen, die die Entwicklung seines Geweihs während seines zwölfjährigen Lebens widerspiegeln. „Trägt ein Hirsch Stangen mit jeweils nur einem Ende, nennt man ihn Spießer. Mit zwei Enden ist er ein Gabler, danach werden die Enden beider Stangen zusammengezählt. Ein Hirsch, dessen Stangen jeweils sechs Enden haben, ist also ein Zwölf-Ender“, schildert Christian und fährt fort: „Das Geweih entwickelt sich jedes Jahr von Ende Februar bis Mitte Juli neu. Dann wird es nicht mehr mit Blut versorgt und die Hirsche streifen durch Verfegen die Basthaut ab. In der Brunft im Herbst dient es ihnen noch als Waffe für Revierkämpfe, irgendwann im Februar werfen sie es ab. Die Hirsche stehen also plötzlich ‚oben ohne‘ da, und dann beginnt der Zyklus des Geweihwachstums wieder von vorn.“


Appell zur Rücksichtnahme

Hermi hört Christian gespannt zu. Der Gstatterbodner Jäger weiß viel zu erzählen und bringt die Zusammenhänge in der Natur verständlich auf den Punkt. Einen Aspekt betont er besonders: „Menschen, die im Winter in der Natur unterwegs sind, sollten sich der heiklen Situation des Wildes bewusst sein und dementsprechend rücksichtsvoll agieren. Denn jede unnötig ausgelöste Flucht bedeutet enormen Stress für die Tiere. Der Energieverbrauch kann bis auf das Zehnfache hinaufschnellen, mühsam aufgebaute Fettreserven schwinden und das weitere Überleben im Winter ist gefährdet.“ Der Jäger hätte noch viele Geschichten auf Lager – über das Sozialverhalten der Tiere im Rudel, die Brunft, den Charakter der Leittiere. Aber es ist Zeit, aufzubrechen. Hermi bedankt sich bei Christian für all das, was sie heute erlebt und erfahren hat, und lässt ihren Wildfütterungsbesuch mit einem gemütlichen Winterspaziergang aus- klingen. Mit einem großen Bogen um die Fütterung wohlgemerkt, denn den Appell des Jägers hat sie sich zu Herzen genommen. Mit vielen neuen Eindrücken stapft sie durch den Neuschnee talwärts zum Gstatterbodener Bahnhof – durch ein Naturparadies, für dessen Erhaltung sich Menschen wie Christian Tag für Tag einsetzen.


Rotwild im Gesäuse erleben

Das Rotwild in Gstatterboden kann im Winter ausschließlich im Zuge von Führungen bei der Fütterung be-obachtet werden. Die Termine finden zwischen Jänner und März 2019 statt.


Mehr Infos: www.nationalpark.co.at/ veranstaltungen

Mit dem Fernglas wird das Erlebnis Rotwildfütterung noch intensiver. Das Verhalten der Tiere innerhalb der Rangordnung kann genau verfolgt werden.

„Die Tiere sind den Traktor gewöhnt. Würde ich den Motor abstellen, wären sie sofort viel vorsichtiger.“

Tiere, die in der Rangordnung des Rotwildrudels vorne sind, haben auch bei der Fütterung Vorrang.

Die sehr scheuen Tiere haben nicht die geringste Angst vor dem Traktor, mit dem Berufsjäger Christian Mayer täglich die Futtertröge befüllt, weil sie ihn seit Jahren gewöhnt sind.

Idyllisches Platzerl am Fuße des Buchsteinmassivs – hier befinden sich die Rotwildfütterung der Steiermärkischen Landesforste und das Jägerhaus.

Jede plötzliche Störung löst bei Wildtieren im Winter Stress aus, der lebens- gefährlich sein kann.

Luftgetrocknetes Bergheu ist ein wertvolles Grundfutter, das die Tiere täglich bekommen.

Christian erklärt Hermi anhand der Abwurfstangen in der Beobachtungshütte das Naturwunder Geweih.

Nah&Frisch Kauffrau Hermine Podratzky

Was ist das Spezielle an deinem Geschäft in Kalwang?

Hermine Podratzky: Gerade in einem kleinen Ort kommt es sehr auf ein gutes persönliches Miteinander an. Darauf legen wir großen Wert. Deswegen freut es mich auch, dass unser Geschäft so ein kleines Kom- munikationszentrum im Ort ist. Besonders die Kaffee-Ecke hat sich zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt. Damit leisten wir neben der „Ba- sisfunktion“ Einkaufen auch einen Beitrag zur Geselligkeit in Kalwang.


Wo findest du persönlich Ausgleich?

Hermine Podratzky: Naturgemäß bleibt neben meinem Beruf als Kauffrau nur wenig Freizeit. Wenn ich frei hab und auch zu Hause nichts Dringendes zu tun ist, spiel ich gern Tennis und bin in der Natur wandern.


Was muss bei einer Wanderung unbedingt in deinem Rucksack dabei sein?

Hermine Podratzky: Neben klassischen Wanderutensilien darf natürlich eine schmackhafte Jause nicht fehlen. Das ist für mich ein guter Speck mit dem passenden Gebäck. Am liebsten ist mir persönlich ein herzhaftes Haubis-Vinschgerl. Zur Wanderjause gehören für mich auch ein Apfel, Mannerschnitten und Wasser als Durstlöscher.


Welchen Bezug hast du zum Nationalpark Gesäuse?

Hermine Podratzky: Ich schätze das Gesäuse vor allem als Wanderge- biet. Die Gegend ist einfach wunderschön und lädt zum Durch- schnaufen und Verweilen ein, weil man hier gleich das Gefühl hat, wirklich „draußen“ zu sein.

„Wir leisten einen Beitrag zur Geselligkeit im Ort.“

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www.brauunion.at

Nah&Frisch Podratzky

Marktstraße 10, 8775 Kalwang, Stmk.

www.nahundfrisch.at/de/kaufmann/podratzky-hermine

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www.loreal-paris.de