Mitten im Ort

Aus Liebe zum

Loden – seit 1434

Jörg Steiner betreibt die Lodenwalke in Ramsau am Dachstein, den ältesten Gewerbebetrieb der Steiermark. Besuch bei einem Unternehmer, der nicht um jeden Preis wachsen muss.

Text & Fotos: Martin Huber

Am Dachboden der Ramsauer Lodenwalke lagert Jörg Steiner das Ausgangsmaterial für seine Erzeugnisse: Schafwolle. Ein Stockwerk tiefer beginnt im Krempel deren Verarbeitung.

W

ie magnetisch zieht eine riesige Stoffbahn in kräftigem Magenta die Aufmerksamkeit auf sich. Ein echter Blickfang. Ein wohltu-

ender Farbklecks in der braun-weißen Frühwinterlandschaft im Ramsau- er Ortsteil Rössing. Freundlich klingt ein „Griaß di“ hinter dem in der Sonne leuchtenden Loden hervor. Dem Gruß folgen das Lächeln eines Mittdreißigers, ein fester Handschlag und eine kurze Erklärung: „Woaßt, heit nutz ma des schene Wetta, um den frisch eingfärbten Loden in der frischen Luft z’ trockna. Wia des seit a poar hundert Johr ban Lodenwal- ken Tradition is.“


Fast 600 Jahre „Walchstampf“

Diese Tradition reicht genau genommen mindestens bis ins Jahr 1434 zu- rück. Damals wurde der Lodenwalker in Ramsau am Dachstein erstmals urkundlich erwähnt, im sogenannten Admonter Urbar: „Stubich und Eberl zahlen dem Probst als Steuer 3 Ellen Ennstaler Tuch. Loden, der in der Gegend in vorzüglicher Güte erzeugt wird.“ Damit ist bewiesen, dass die „Walchstampf im Rössing“ der älteste Gewerbebetrieb der Steiermark ist. Mit der Geschichte der Familie Steiner ist jene der Loden- walke seit dem Jahr 1825 eng verwoben. Johann Steiner, Erstbesteiger der Bischofs- mütze, der Hunerscharte und vieler anderer Dachsteinwege, heiratete die Lodenwalktochter Susanne, geborene Walcher. Ihre Kinder erbten den Betrieb. Einer von ihnen, Georg Steiner alias „Steiner-Irg“, bestieg 1909 als Erster die Dachstein-Südwand. Generationen später, im Jahr 2006, trat Jörg in die Fußstapfen seiner Vorfahren.

„Da Krempel“: von der Wolle zum Vlies

Vieles hat sich über die beinahe sechs Jahrhunderte rund um die Loden- walke geändert. Der Ursprungsidee folgen Jörg und seine Frau Martina jedoch noch heute: Sie verarbeiten Schafwolle zu funktioneller Beklei- dung. Der Weg vom Rohstoff bis zum fertigen Lodengwand beginnt bei sehr alten Maschinen. „Do gehts los, ban Krempel“, erklärt Jörg, während er mit beiden Händen ein Bündel Schafwolle in die laut ratternde Ma- schine wirft. Es riecht nach einer Mischung aus Wolle und Metall. Die riesige mechanische Krempelmaschine würde auch in einem technischen Museum eine ausgezeichnete Figur machen. Hier kämmt sie Tag für Tag Wolle zu einem feinen Vlies und teilt dieses in das sogenannte erste Vor

garn, einen ungedrehten Faden. In der Ringspinnerei wird dieses erste Vorgarn anschließend zu einem festen Garn versponnen.


Weben, Walken, Rauen

„Do herinnen gehts richtig rund“, sagt Jörg grinsend, als wir die Weberei betreten. Auf archaisch anmutenden Webstühlen werden hier die Garne zu verschiedenen Wolltüchern verwebt. Es rattert, es knattert. Ständig ist irgendetwas in Bewegung. Das Auge kann den in rasantem Takt arbeiten- den Maschinen kaum folgen. Nach dem Weben werden die Wolltücher gewalkt. „Wir nemman ban Woikn nur hondworms Wossa und a Kern- seifn. Mit Druck und Reibung vafuizt die Woin. Sie wird um etwa 40 Pro- zent kleana und sehr strapazierfähig. Gewalkte Stoffe san fost winddicht und durch des Woinfett Lanolin natürlich imprägniert“, erklärt Jörg. Je nach Einsatzzweck des Stoffes folgen weitere Arbeitsschritte wie Färben, Appretur, Trocknen, Rauen, Scheren oder Bügeln. Eine Besonderheit ist das Rauen von Decken. Obwohl es am Markt Kunststoffbürsten gibt, schwört Jörg wie seine Vorfahren auf getrocknete Naturdisteln: „Die san zwor teira, owa des Endergebnis is oafoch besser – und genau um des gehts mia. Üwaroi!“


Besser als jede „Hightech“-Faser

Nachdem der Loden in Ramsau produziert wurde, kommt er in eine Schneiderei nahe Graz. Dort werden die Vorstellungen der Familie Stei- ner in Kleidungsstücke umgesetzt. „So bleibt die gonze Produktions- und Wertschöpfungskettn steirisch“, sagt Jörg. „Die Schofwoin leist unglaub- lich vui. Sie atmet ein und aus. Sie nimmt d’ Feichtigkeit auf und gibts wieda ob. Ban Sporteln oder ban Orwatn transportiert sie den Schweiß noch draußen. Außerdem wärmt sie in Körpa a donn no, wenn sie scho feicht is. So a Leistung schofft bis heit koa oanzige Hightech-Faser.“ Seine Augen blitzen, wenn er von „seiner Schafwolle“ erzählt. Er liebt seine Er- zeugnisse, er lebt für sie.


„Mei Zui: ehrliche Produkte“

„Mogst no an Blick ins Woiloger aufi werfen? Des zoag i nid an jeden“, fragt Jörg. Diese Einladung kann man nur annehmen. Wir steigen auf den Dachboden, wo Sack an Sack geschlichtet Schafwolle vor ihrer Verarbei- tung gelagert wird. Während der Jörg die Qualität frisch gelieferter Wolle sorgfältig prüft, erklärt er: „Woaßt, i wui gor nid, dass ma ois Unterneh- men wochsn. I bin zfriedn so, wia es momentan is – und wonns so bleibt, donn gfrei i mi. Mei Zui is, so long wia möglich genauso ehrliche Produk- te z’mochen, wia ma des bisher gmocht hom und a derzeit tean.“

„Loden is fost winddicht und durch des Woinfett Lanolin imprägniert.“

Zuerst wird die Schafwolle zu einem Vlies gekämmt. Anschließend entstehen Fäden, das sogenannte Vorgarn.

Viele Arbeitsschritte sind notwendig, um aus Schafwolle fertigen Loden herzustellen. Dazu gehört auch das Rauen, für das in der Ramsauer Lodenwalke noch Naturdisteln (Foto links unten) verwendet werden.

Foto Kauffrau: Ingo Folie

QUALITÄT ZÄHLT

„Ich freu mich, dass dieses

alte Handwerk bis heute so gut

gepflegt wird – der Loden ist

einfach ein toller Stoff!“

Michaela Moser, Nah&Frisch

Kauffrau in Stadl an der Mur,

Stmk.