Nah is guat

Weiße Tage in der Wachau

Marillenbauer Rudolf Schrutz erzählt, was die sensible Wachauer Marille auszeichnet, warum sie die Donau braucht und worauf man beim Kauf schauen sollte.

Text: Marcus Fischer Fotos: Niko Havranek

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s is a ganz a hagliche Frucht“, erzählt Marillenbauer Rudolf Schrutz aus Willendorf in der Wachau, als er uns durch seinen Obstgarten

führt. Es ist Ende März, die Luft ist mild und erfüllt von Vogelgezwit- scher. Ein duftendes weiß-rosa Blütenmeer liegt unter uns. Weht ein Windstoß in die Bäume, lösen sich Hunderte Blütenblätter und treiben wie Schneeflocken durch den Garten. Die Vollblüte der Wachauer Marille steuert auf ihren Höhepunkt zu.


Entscheidende Tage

Genau darum verfolgt der Marillenbauer jetzt besonders aufmerksam die Wettervorhersage. „Jetzt ist die kritische Zeit“, fährt Rudolf Schrutz fort, „in den nächsten vier bis fünf Tagen entscheidet sich alles. Wenns jetzt friert, ist es für die Marille das Schlimmste. Die ist empfindlich wie ein kleines Kind – bei Frost fällt die Blüte ab und alles ist hin. 2017 wars fast so weit – da ist es mitten in der Vollblüte kalt geworden. Wir haben dann Strohballen in die Obstgärten geführt und angezündet, da ist über der ganzen Wachau eine Rauchdecke gelegen bis nach Spitz runter. Richtig kalt wirds bei uns nämlich erst in der Früh, wenn die Sonne heraus- kommt. Dann drückts die Kälte herunter. Der Rauch schirmt die Sonnen- strahlen ab und hält so die kalte Luft oben. Damit haben wir die Ernte gerettet.“


Der Wind befruchtet die Früchte

Im Moment schaut es gut aus, was die Temperaturen angeht. 18 bis 20 Grad sind vorhergesagt. „Am besten ist es, wenns jetzt warm bleibt und alles schnell verblüht. Von den Blüten her könnte es sogar ein Rekordjahr werden“, sagt Schrutz. Allerdings sei die Blüte nicht alles. „Marillen sind ja Selbstbefruchter, d. h. eigentlich übernimmt der Wind die Arbeit. Die hier“, er biegt die zarten Blütenblätter auseinander und zeigt uns den klei- nen Fruchtstängel, „ist schon befruchtet. Daraus wird die Marille. Gefähr- lich für die heranwachsende Frucht ist aber auch die Feuchtigkeit. Wenns ein paar Tage hintereinander regnet, fault sie“, sagt der Marillenbauer.


Die Donau machts Aroma

An sich habe man in der Wachau ein ideales Mikroklima für die Marille. Die Donau wirke als ausgleichendes Element: Im Frühjahr schütze ihr Dunst gegen zu große Kälte, im Sommer kühle sie die allzu große Hitze. Außerdem spiele die Mischung aus pannonischem und Waldviertler Kli- ma eine wichtige Rolle. „Beides braucht die Wachauer Marille: untertags die Wärme, nachts die Kühle. Das gibt ihr das besondere Aroma mit der fein säuerlichen Note. Man kann unsere Marille nicht mit anderen ver- gleichen, egal ob das ungarische oder französische sind. Die schmecken wie Zuckerruam“, lacht der Obstbauer, „nur süß, da fehlt die Raffinesse.“ Wir spazieren den Obstgarten hinunter in Richtung Straße und kommen zu einer Holzhütte. Ein Schild mit der Aufschrift Original Wachauer Ma- rille ist gut sichtbar angebracht. „Das ist unser Zeichen“, sagt Rudolf Schrutz und spannt den großen apricotweißen Sonnenschirm auf, der die gleiche Aufschrift trägt.


Betrug mit der Wachauer Marille

„Leider wird mit der Wachauer Marille auch allerhand Schindluder ge- trieben. Darum haben wir den Verein Original Wachauer Marille gegrün- det, den man am Zeichen erkennt. Und wer Wachauer Marillen kaufen möchte, sollte drauf schauen. Vor ein paar Jahren ist eine deutsche Jour- nalistin durch die Wachau gefahren, da waren die Marillen noch grün. Am Abend hat sie den Obmann unseres Vereins angerufen und gesagt: ‚Ich versteh das nicht – da herunten ist alles noch grün und in München am Markt werden reife Wachauer Marillen verkauft.‘ Draufhin ist der Ob- mann sofort zu dem Markt nach München gefahren, hat sich den Markt- leiter geschnappt und ist mit ihm zum Stand hin. Das war schon wirklich frech: Der Standler hat Marillen aus Frankreich als Wachauer Marillen verkauft – und das um € 10,50 das Kilo! Das ist mehr als das Dreifache von dem, was sie bei uns kosten. Na, der hat sofort zusperren müssen.“


Vom Baum in die Zistel

„So was ist natürlich ärgerlich“, fährt Schrutz fort, „weil ja viel Arbeit drin steckt: Die Bäume müssen jährlich geschnitten werden, damit sie ihre charakteristische Hohlkrone behalten. Dafür werden die sogenannten Wasserschieber, die nach oben wachsenden Zweige, gekappt, damit die Äste nach außen und unten wachsen“, erklärt Schrutz. So gehe am meis- ten Kraft in die Frucht – und die Ernte werde erleichtert, weil sie keine Leitern erfordere. Der Marillenbauer zeigt auf einen spitz zulaufenden geflochtenen Korb: „Das ist eine Zistel, darin haben sie früher die Maril- len gesammelt.“ Auch heute noch, so Schrutz stolz, werde ausschließlich mit der Hand geerntet.


Marillenbrand aus’m Dorf

Im Juli, wenn die Marille reif ist, gehe es in Willendorf rund. Jahr für Jahr werde die Nachfrage nach den feinen Früchten größer, freut sich der Ma- rillenbauer. „Manche Kunden kommen von weit her – aus Tirol, Vorarl- berg, sogar aus Deutschland. Die sind mit‘m Anhänger da und kaufen meistens gleich fürs ganze Dorf ein.“ Neben dem Direktverkauf verarbei- tet er die Früchte auch zu seinem Wachauer Marillenbrand. „Probierts amal“, sagt er und reicht uns ein Stamperl. Wir stoßen an, im Mund ent- wickelt der Brand eine intensive fruchtige Note, warm und mild ist der Abgang. „Der Unterschied ist, viele Marillenbrände werden mit Aroma aufgepeppt. In meinem ist nichts von dem Zeug drin. Drum schwört auch meine Cousine drauf, die Ulrike; die ist Kauffrau in Aggsbach Markt. Der Brand geht gut bei ihr – weil eben Wachauer Marille drin ist und sonst nichts“, lacht Schrutz und gibt uns eine Flasche zum Abschied mit. Wir bedanken uns herzlich und wünschen dem Marillenbauern und seinen Früchten einen warmen, sonnigen Frühling.

www.wachauermarille.at

Die Tage der Marillenvollblüte Ende März sind entscheidend für den Ertrag – darum verfolgt Marillenbauer Rudolf Schrutz zu dieser Zeit den Wetterbericht besonders aufmerksam.

„Die Marille ist empfindlich wie ein Kind – bei Frost fällt die Blüte ab und alles ist hin.“

Sonnenschirm und Schild als Kennzeichen des Vereins „Original Wachauer Marille“.

„Leider wird auch viel Schindluder getrieben: Einmal habens in München ‚Wachauer Marillen‘ verkauft – da waren die Früchte hier noch grün!“

Damit die Marillenbäume ihre Hohlkrone behalten, werden sie regelmäßig gestutzt.

Mit den spitz zulaufenden geflochtenen Zisteln wurden die Marillen früher geerntet.


Die „Ungarische Beste“, die robuster und besser haltbar ist.

Vor allem zwei Sorten sind es, die seit Jahrzehnten als klassische Wachauer Marille angebaut werden:


Die „Klosterneuburger“, die sich durch ihren besonders feinen Geschmack auszeichnet.


BLÜTE:

Ende März bis Anfang April

ERNTE:

Anfang bis Mitte Juli

WEBCAM MARILLENBLÜTE:

www.wachauermarille.at

WACHAUER MARILLE

DAS ZEICHEN


Wie erkenne ich, dass es sich

bei den angebotenen Marillen wirklich um Wachauer Marillen handelt? Wenn man die Früchte außerhalb der Wachau kauft, lässt sich auf www.wachauermarille.at überprüfen, ob der jeweilige Bauer dem Verein „Original Wachauer Marille“ angehört.


Kauft man die Marillen in der Wachau, bietet das Zeichen am Stand Sicherheit. Ist ein Bauer

vor Ort nicht Mitglied des Vereins, sollte man darauf achten, dass die Früchte als „Wachauer Marille“ bezeichnet werden. Werden sie nur als „Marillen“ angeboten, können sie anderswoher stammen –

z. B. aus Ungarn.

Illustrationen: 123rf, Verein Wachauer Marille g.U.

Die hats

Von den Original Wachauer Marillen ...

... gibts Marillenbrand, Maril- lennektar und Marillenmar- melade u. a. bei Nah&Frisch Kauffrau Ulrike Stummvoll in 3641 Aggsbach Markt, Wach- au, NÖ.