Von Mensch zu Mensch

Worums

im Leben geht

Haflinger-Züchterin Johanna Rauch erzählt,

warum die Liebe zu den Tieren, Toleranz in der Familie und

der Zusammenhalt im Dorf ihr Leben bereichern.

Text & Fotos: Doris Wild

B

ramberg in der Wildkogelarena liegt am westlichen Ende des Salz- burgerlandes, umgeben von hohen Bergketten. Die Gegend ist ein

Paradies für Johanna Rauch und ihre sieben Haflinger. Hier im Pinzgau sind die Weiden genau so, wie sie Pferde gerne haben: saure Wiesen mit wenig Eiweißgehalt. Dass sie hier ihr Zuhause gefunden hat, gehört für die Haflinger-Züchterin zu den glücklichen Fügungen im Leben.


Tatendrang und Gastfreundschaft

Ursprünglich stammt Johanna Rauch aus Tirol. In ihrer Familie waren schon immer alle Pferdebauern. Ihr Urgroßvater zum Beispiel hatte bereits Noriker und bestellte mit den kräftigen Arbeitstieren die Felder. Als ältestes von sechs Kindern musste Johanna früh lernen, Verantwortung am Hof ih- rer Eltern für die Tiere sowie für ihre Geschwister zu übernehmen. Noch bevor die Schulglocken läuteten, wurden die Kühe versorgt. Daheim war immer viel zu tun, da musste angepackt werden. Diesen Tatendrang hat sich Johanna Rauch bis heute bewahrt. Sie ist es auch, die im Dorf die Kon- takte pflegt, die Leute zusammenbringt und Veranstaltungen organisiert – wie z. B. die „Lesungen im Stall“, für die sie hochkarätige Schauspieler wie Stephanie Brenner, die Tochter von Hans Brenner, engagiert. Auch die bäu- erlichen Bräuche und Traditionen ihrer Kindheit haben im Leben der Jo- hanna Rauch Spuren hinterlassen. Besonders der „Leonhardiritt“ am 6. No- vember ist für sie jedes Jahr aufs Neue ein Ereignis – eine Tradition zu Eh- ren des Schutzpatrons hl. Leonhard (siehe auch Seite 53). Eingekauft wird natürlich auch in Bramberg. Kleine Gewerbe im Ort unterstützt sie bewusst und so erledigt sie ihre täglichen Einkäufe beim „Bichlkrämer“, dem Nah&Frisch Geschäft ihrer Freundin Hanna Brandstätter.


Ein Zuhause aus dem 17. Jahrhundert

Johannas Fixpunkt ist die Haflingerhütte in Bramberg, ein uriger Holzbau aus dem 17. Jahrhundert, den sie liebevoll restauriert hat. Hierher lädt sie ein, hierher kommen die Gäste, um ihre berühmten Apfelradln zu genie- ßen. Hier können aber auch Kinder ihren Geburtstag feiern, wenn die Pferde im September von der Alm wieder zurück sind. Gleich vor dem Haus ist die Pferdekoppel, daneben sind die Stallungen für ihre sieben Pferde, darunter auch das weiße Pony Felix. „Er is a richtiger Herzens- bua“, sagt Johanna. „Da merkst richtig, wie er es genießt, wenn er von den Kindern geherzt wird.“


Toleranz als Lebensprinzip

Den Sommer verbringen die Pferde oben auf der Rossalm, in 1.800 Meter Höhe, im September kommen sie wieder heim auf ihre gewohnten Wiesen. Für den Abtrieb werden sie mit Blumenbüschen, Asperagus, Geranien, Buchs und Rosen geschmückt – allesamt Herbstblumen, denen positive Ei- genschaften zugeschrieben werden und die Glücksbringer für sie sein sol- len. Beim Blumenbinden kommen Johanna einige Gedanken. Was wichtig ist im Leben? Das sind in ihrem Fall natürlich ihr Mann Michael und ihr Sohn Klaus. Johannas Familienleben ist geprägt von gegenseitiger Toleranz. Während Michaels Leidenschaft das Motorradfahren ist, hat Sohn Klaus die Liebe zu den Tieren und zur Landwirtschaft geerbt. Seine Unterstützung ist unverzichtbar, vor allem sein feines Gespür für die Pferde.


Almparadies auf 1.800 Metern

Der Himmel glänzt an diesem Spätsommertag tiefblau. Auf 1.800 Meter Höhe ist es nicht ganz so warm wie im Tal und der Wind bläst einem kräftig um die Ohren. Die Haflinger lieben dieses Wetter, Leitstute Diana steht an vorderster Front und beobachtet ihre Herde. Dazwischen mi- schen sich Kühe und Kälber und auch ein Norikerpferd eines anderen Züchters. Im Sommer bleibt Senner Luis auf der Almhütte und sieht täg- lich nach den Tieren. Johanna Rauch und ihr Mitarbeiter Thomas Schös- ser besuchen die Tiere immer wieder und streuen das mitgebrachte Salz auf einen großen flachen Stein.


Pferde mit Charakter

Johanna kann stundenlang über die Charaktere ihrer Haflinger erzählen. Wenn Leitstute Diana die Herde anführt, überholt keines der anderen Pferde. Was sie macht, zählt. Manchmal sind Pferde stur, dann auch wie- der gutmütig. „Wie wir Menschen“, lacht Johanna. Wie sehr die Pferde ihr vertrauen, wird auf der Alm deutlich. Sobald sie sich den Haflingern nä- hert, stehen diese neben ihr und wollen ihre Aufmerksamkeit. Ganz dicht drängen sie sich an sie, als würden sie um den besten Platz konkurrieren. Trotz grenzenloser Freiheit auf der Alm ist es kein Problem, den Haflin- gern das Halfter anzulegen. Ihren Rossschwanz mit den Blumen zu schmücken ist dagegen nicht ganz so leicht: Es ist eine gewisse Aufregung in der Herde, denn sie spüren, es geht wieder heimwärts.


Offen für glückliche Fügungen

Arbeiten hat Johanna schon als Kind gelernt. Aber Fleiß alleine reiche oft nicht. Ihr zweites Lebensgeheimnis? Offen sein für glückliche Fügungen. Wer daran glaubt, dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein werden, macht dies oft möglich. Für Johanna hat sich vieles im Leben einfach ergeben. Als sie nach dem plötzlichen Tod des Vaters die Verantwortung für seine Haflinger übernahm, kamen völlig neue Heraus- forderungen auf sie zu. Die Herde war gewachsen, größere Stallungen wa- ren notwendig. Im Zentrum von Bramberg hat sie dann das Tanzlehengut samt Weiden gefunden. Durch eine weitere glückliche Fügung fand sie ihren Mitarbeiter Thomas Schösser. Bei einem Treffen der Ortsbäuerin- nen fragte sie, ob nicht jemand einen „Rossinger“ für sie wisse. Thomas war so einer. Ein geradliniger Bauerssohn, der mit Norikern aufgewach- sen ist. Auf ihn kann sich Johanna hundertprozentig verlassen.


Worum es im Leben geht? Dass man viel Optimismus, Mut, Kraft, Glück und den Segen von oben braucht – und Menschen, die einem zur Seite stehen. „Das ist meine Familie, die mit mir alles mitträgt, mit dem Wis- sen, dass im Leben nicht alles selbstverständlich ist“, sagt Johanna mit ei- nem Lächeln.

Kontakt: rauch.johanna@aon.at

„Ein glückliches Zusammenleben braucht auch Freiraum für den anderen.“

Abwechslung zum Almwiesenmenü: Den Blumenschmuck haben die Haflinger zum Fressen gern.

„Man muss im Leben offen sein für glückliche Fügungen. Dann wird vieles möglich.“

Der letzte Tag auf der Rossalm. Im Herbst heißt es wieder Abschied nehmen von den saftigen Almwiesen. Johanna Rauch und ihr „Rossinger“ Thomas Schösser genießen noch einmal den herrlichen Rundumblick der Wildkogelarena, bevor es wieder ins Tal geht.

„Mut, Kraft, Glück, Menschen, die einem

beistehen – und den Segen von oben.“

Senner Luis bleibt den ganzen Sommer über auf der Alm und kümmert sich um Rösser und Kühe.

Zur Vollansicht bitte antippen.

www.contedecesare.at

Spezialität des Hauses: Die Apfelradln von Johanna Rauch sind im Pinzgau legendär.