Von Mensch zu Mensch

Worums

im Leben geht

René Reiterer erzählt, wie er sich nach Rückschlägen den Traum vom eigenen Musikgeschäft erfüllt hat – und warum es bei Konflikten das Beste ist, sich zusammenzusetzen und zu reden.


Text: Marcus Fischer Fotos: Wolfgang Hummer

Zehn Jahre hat René an der Entwicklung einer Trompete mit dem perfekten Oberkrainer-Sound gearbeitet.

S

eltsame Geräte hängen an den Wänden der Werkstatt im steirischen Ligist. Manche sehen aus wie Schuhstrecker, andere wie Gewichte

für Balkenwaagen. Auf der Werkbank liegt eine reichlich verbeulte Trompete. „Das geht schneller, als man denkt“, lacht René Reiterer, „einmal runterfallen und schon hat sie einen ordentlichen Depscher. Aber dafür gibts ja mich.“ In der kleinen Werkstatt geht Rene seinem Beruf – und seiner Berufung – nach: der Herstellung und Reparatur von Blechblasinstrumenten. Der Weg zu „Reitis Instrumentenklinik“ war von Höhen und Tiefen gezeichnet, die so manchen anderen aus der Bahn geworfen hätten. Nicht aber René Reiterer.


Starker Wille schon als Kleinkind

Seinen starken Willen habe er, so erzählt er uns, schon als Kleinkind gehabt. „Meine Eltern sind kurz nach meiner Geburt nach Wien zum Arbeiten und haben mich bei den Großeltern gelassen. Die haben sich liebevoll um mich gekümmert. Als meine Mutter ein halbes Jahr später zurückgekommen ist und mich nachholen wollte, hab ich von einem Tag auf den anderen nichts mehr gegessen“, schildert René. „Sie war natürlich besorgt und ist mit mir zum Arzt, der auch gleich die „Krankheit“ erkannt hat. Seine Diagnose: Heimweh nach der Oma. ,Bringens den Buben zu- rück zu den Großeltern‘, hat er der Mutter geraten – und genau das hat sie schweren Herzens gemacht. Und wie die Oma dann vor mir gestanden ist, hab ich plötzlich einen Mordshunger bekommen“, lacht René.


Mit Volksmusik auf Erfolgstour

Die Wand seiner Werkstatt ist tapeziert mit Postern von Volksmusikgruppen. „Das sind alles Oberkrainer“, erklärt uns der Instrumentenbauer, „und über die bin ich selber zur Musik gekommen. In den 80er Jahren ist die Musikrichtung bei uns populär geworden. Ursprünglich kommt sie aus Slowenien, das waren richtig anspruchsvolle Kompositionen.“ René deutet auf ein Poster. „Das ist mein Cousin, der bei den Grazer Spatzen gespielt hat. Das ist eine Band in Oberkrainer-Besetzung, mit der ist er damals in halb Europa aufgetreten! Und wie ich als 12-jähriger Bursch den eigenen Cousin bei einem Zeltfest auf der Bühne spielen gesehen hab, vor 3.000 begeisterten Zuschauern, hab ich Blut geleckt“, schwärmt René. Ab diesem Moment war klar gewesen, dass er in seinem Leben etwas mit Musik machen wollte.


Allein im fernen Wien

Mit 15 hat er dann eine Lehre als Instrumentenbauer begonnen – beim Votruba in Wien. „Das war schon brutal. Kommst aus dem 700-Seelen- Dorf Geistthal gleich in die Großstadt. Ich hab ja niemanden gekannt dort.“ Das sollte sich allerdings bald ändern. Nach kurzer Zeit hat er einen Steirer kennengelernt, der von Beruf Straßenbahner war und mit ihm die Leidenschaft für die Musik teilte. Gemeinsam gründeten sie eine Band, Reitis Show-Express, die Volksmusik mit einer Portion Spaß verband. Trompetensolos auf Gartenschläuchen oder Stücke mit brennender Trompete sorgten für Stimmung im Publikum. „Wie ich dann mit der Lehre fertig war, hab ich gleich eine Anstellung bekommen – als Orchesterwart an der Volksoper Wien. Aus heutiger Sicht war das ein super Job. Aber damals war ich halt jung und die Warterei zwischen den Stücken war mir zu fad“, lacht René.


Der Traum vom eigenen Geschäft …

Nach einigen Zwischenstationen in Wien und Voitsberg ist René nach Geistthal zurückgekehrt. „Da bin ich grad 30 geworden und hab nur einen Wunsch gehabt: ein eigenes Musikgeschäft aufzumachen. Ich hab damals einen Bekannten gehabt, der hat sich um den Ein- und Verkauf gekümmert, und ich hab die Reparaturen übernommen. Für mich hat das alles gepasst, wir haben viele Kunden gehabt, die Leute waren zufrieden, eigentlich alles traumhaft. Bis mir ein Hersteller gesagt hat, er liefert nichts mehr, weil die alten Rechnungen nicht bezahlt sind.“


… der zum Albtraum wurde

„Ich habe mir daraufhin die Bücher durchgeschaut und gemerkt, dass da was im Argen liegt. Während ich die Instrumente repariert hab, hat sich mein Mitgesellschafter offenbar nicht ordnungsgemäß auf die ihm über- tragenen Aufgaben konzentriert. Und dadurch sind wir in ordentliche wirtschaftliche Schwierigkeiten gekommen. Das war eine furchtbare Zeit damals, geprägt von schlaflosen Nächten sowie unzähligen Gesprächen mit den Händlern. Wenn ma aber miteinander redt, hat sich noch immer eine Lösung gefunden. Und so wars dann auch. Ein Großteil der Schulden ist an mir hängen geblieben, aber durch meine intensiven Bemühungen ist es mir gelungen, meine wirtschaftliche Lage wieder auf eine solide Basis zu stellen“, schildert der Instrumentenbauer.


Erfolgreicher Neuanfang

Manch anderer hätte nach dieser Erfahrung den Traum vom eigenen Geschäft begraben. Aber nicht René. Nur einen Monat nachdem alle Lieferanten bezahlt waren, hat er 2006 sein eigenes Musikgeschäft eröffnet. „Du musst dich für irgendwas entscheiden, sonst ist alles halbert. Das Geschäft ist jahrelang super gelaufen. Bis der Onlinehandel gekommen ist und die Leute die Instrumente bei mir ausprobiert – und dann im Internet gekauft haben. Da kannst als kleiner Händler nicht mithalten.“ Und wieder hat René von vorn angefangen. Er hat den Verkauf aufgegeben und sich auf die Reparatur und Herstellung von Blechblasinstrumenten konzentriert – mit „Reitis Instrumentenklinik“.


10 Jahre bis zur perfekten Trompete

Seine Leidenschaft gilt heute besonders dem Instrumentenbau. Über zehn Jahre hat er an der Entwicklung einer Trompete gearbeitet, die für ihn den perfekten Oberkrainer-Sound wiedergibt. Auf drei Dinge kommt es dabei an: die Stärke und Legierung des Goldmessings, aus dem die Trompete gefertigt wird, die Krümmung des Mundrohrs und den Mensurverlauf – die Öffnung des Schallstücks zum Becher hin. 2017 er- blickte das Meisterwerk das Licht der Welt. Dass ein Oberkrainer-Star wie Jan Tamse heute darauf spielt, macht René besonders stolz. „Das kann dir natürlich keiner bezahlen, wennst jahrelang an dem Instrument feilst. Aber so ist es mit den Leidenschaften, die rentieren sich selten“, lacht René. Darum arbeitet er heute halbtags als Versicherungskaufmann. Dass seine Frau Angelika vor kurzem ein eigenes Nah&Frisch Geschäft in Geistthal eröffnet hat, freut ihn besonders, „weils wichtig ist, dass jeder seinen Zielen folgt“. Zum Abschied überreicht er uns zwei Holzbretter in Trompetenform – mit steirischem Speck, Hartwurst und Besteck drauf. Wir bedanken uns herzlich und freuen uns nach den vielen neuen musikalischen Erkenntnissen auf den urigen kulinarischen Genuss.

Der gelernte Instrumentenbauer René Reiterer hat sich auf die Reparatur und Herstellung von Blechblasinstrumenten spezialisiert.





„Wenn man

miteinander redt,

hats noch immer für

alles eine Lösung

gegeben.“

Handwerk mit Fingerspitzengefühl und eigenem Werkzeug zum

„Ausbügeln“ von Dellen und Depschern.

In der Werkstatt von „Reitis Instrumentenklinik“: „Trompeten sind im Grunde sehr robust, aber wennst einmal wo anstößt oder sie dir runterfällt, haben sie einen ordentlichen Depscher.“





„Du musst dich für irgendwas entscheiden, sonst ist alles halbert.“

René mit seiner Frau Angelika (Mitte: Tochter Daniela), die in Geistthal ihr Nah&Frisch Geschäft eröffnet hat.