Von Mensch zu Mensch

„Gut, dass ihr da seid“

Was passiert in einem Ort, der tagelang von der Außenwelt abgeschnitten ist? Und welche Rolle spielt der Nahversorger dabei? Drei Kaufleute berichten vom Schneechaos im Jänner 2019.

Sämtliche Bilder auf dieser und der folgenden Doppelseite wurden im Zuge der massiven Schneefälle im Jänner 2019 aufgenommen und stammen von den Kaufleuten selbst.

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cht Tage lang durchgehend von der Außenwelt abgeschnitten – das hats bei uns da heroben überhaupt noch nie gegeben“, erzählt Kauf-

frau Bettina Strasser aus der 500-Seelen-Gemeinde Radmer. Der Ort liegt an der Grenze zum Nationalpark Gesäuse in der Steiermark. Wegen akuter Lawinengefahr war die Verbindungsstraße in der zweiten Jännerwoche 2019 gesperrt worden. Tagelanger Schneefall und starke Stürme hatten diese Maßnahme nötig gemacht. Zum Glück hatte Bürgermeister Ludwig Gottsbacher das Großhandelshaus Pfeiffer ein paar Stunden im Voraus von der Sperrung informiert. „Und die haben dann Vollgas gegeben. So ist am Sonntag noch spät in der Nacht ein Lkw mit Lebensmitteln mitten im Schneetreiben hereingekommen und hat uns versorgt. Das war ein Wahnsinn. Und am Montag habens uns dann ausgeräumt“, lacht Bettina Strasser.


Regale leer in Radmer

Innerhalb von zwei Tagen war das ganze Frischesortiment ausverkauft. „Wir haben eine große, drei Meter lange Kühlvitrine für Milch und Mol- kereiprodukte – die war am Dienstag bis auf das letzte Produkt leer. Und wir haben ja nicht gewusst, wann wieder was hereinkommt.“ Katastro- phenstimmung sei aber keine aufgekommen im Ort. Im Gegenteil. „So oft haben mir Kunden gesagt, wie froh sie sind, dass wir da sind. Auf einmal haben nämlich alle gespürt, wie wichtig es ist, dass man einen Nahversorger im Ort hat“, erzählt die Kauffrau.


Tolle Zusammenarbeit im Ort

Nach sechs Tagen konnte der Ort mit Hubschraubern angeflogen werden. Die erhoffte Lieferung wurde auf dem Hauptplatz ausgeladen. „Und dann haben alle zusammengeholfen und uns die Waren ins Geschäft gebracht – die Feuerwehr, freiwillige Helfer, Nachbarn mit kleinen Traktoren. Das war ein Zusammenhalt, unglaublich!“ Am folgenden Sonntag konnte die Sperrung der Straße aufgehoben werden – und Radmer war wieder mit der Außenwelt verbunden. „Ich bin so dankbar“, schildert Bettina Strasser rückblickend, „dass die Zusammenarbeit so perfekt funktioniert hat – mit dem Großhandelshaus, mit der Gemeinde, dem Bürgermeister und inner- halb des Ortes mit der Feuerwehr und den vielen Freiwilligen – das war wirklich einmalig.“


Vier Meter Schnee in Hohentauern

„So eine Situation haben wir da heroben überhaupt noch nie gehabt“, schildert auch Kaufmann Heinz Kolland die Situation Anfang des Jahres in Hohentauern in der Steiermark. Über vier Meter Schnee innerhalb von zwei Wochen und Stürme von über 100 km/h auf den Bergen hatten eine Sperre der beiden Zufahrtsstraßen aufgrund der akuten Lawinengefahr unvermeidlich gemacht. Hohentauern war von der Außenwelt abgeschlossen. Wie reagiert man in so einer Situation?


Panikkäufe und Wintererlebnis

„Gelassen“, lacht der Kaufmann. „Du kannst eh nichts machen. Die Gäste im Ort haben am Anfang richtige Panikkäufe gemacht – und wir haben versucht, sie zu beruhigen. Ich hab immer gesagt ,Keine Panik, ich hab noch genug Bier im Haus‘ und ihnen geraten, das Ganze als Wintererlebnis zu verbuchen. Aber das ist natürlich nicht leicht, wennst die Schneemassen nicht gewöhnt bist, die da herunterkommen.“ Allerdings gingen auch in Kollands Geschäft die Vorräte langsam zur Neige. Und Hilfe von außen war nicht in Sicht.


Not macht erfinderisch

„Ich bin dann jeden Morgen mit einer 25-Liter-Kanne zum Bauern gefahren und hab Milch für meine Kunden geholt. Ein anderer Bauer hat Brot ge- backen, das hat die Feuerwehr zu mir ins Geschäft gebracht, und von den Gasthäusern und Hotels in der Gegend hab ich mir Wurst und Käse geholt, die haben ja größere Mengen an Vorräten.“ Weil Schneefall und Sturm auch nach vier Tagen nicht nachließen, beschloss die Gemeinde, einen Notweg freizuschaufeln, über den das Bundesheer nach Obertauern ge- langen konnte. Jetzt hieß es für den Kaufmann, schnell zu handeln. „Ich hab in der Früh beim Großhandelshaus angerufen und meine Bestellung durchgegeben. Die haben blitzartig die Ladung zusammengestellt, damit sie sie rechtzeitig dem Bundesheer-Lkw übergeben konnten. Der ist am Abend noch bei uns eingetroffen – und Hohentauern war wieder gut ver- sorgt.“ Am folgenden Freitag sprengte das Bundesheer die gefährlichen Gipfelwechten auf dem nahe gelegenen Triebenstein – damit war die Lawinengefahr gebannt und die Straße konnte wieder befahren werden.


Rodel und Bob in Gußwerk

Nicht ganz so hart traf die Schneekatastrophe im Jänner das steirische Gußwerk, wo Viktoria Troger ihr Nah&Frisch Geschäft führt. „Wir waren 2006 total eingeschneit und komplett abgeschnitten von der Außenwelt gewesen. Diesmal ist eine Straße offen geblieben – obwohl wir die ganze Zeit gezittert haben, obs die nicht auch sperren.“ Auch in ihrem Geschäft wurden in dieser Situation die Vorräte knapp. „Milch, Eier, Käse, Butter, Zucker, Obst und Gemüse, alles war in kürzester Zeit aus. Ich hab dann beim Großhandel angerufen und gesagt, dass ich dringend eine neue Lieferung brauch. Und dann ist der Pfeiffer-Lkw noch in der Nacht mitten im Schneesturm gekommen“, schildert die Kauffrau. Allerdings hatte die Schneekatastrophe auch ihre schönen Seiten im Ort. „Auf einmal sind alle einkaufen gegangen wie früher. Statt Radln und Autos vorm Geschäft sind jetzt lauter Rodln und Bobs davor gestanden. Damit haben mein Kunden die Einkäufe nach Hause gebracht. Das sollte man überhaupt im Winter wieder einführen“, lacht die Kauffrau.

Freiwillige Helfer beim Transport der gelieferten Lebensmittel ins Nah&Frisch Geschäft.

Weil die Milch in Kürze ausverkauft war, fuhr Kaufmann Heinz Kolland täglich zum Bauern, um Frischmilch zu holen.

Feuerwehr und Straßendienst waren rund um die Uhr im Einsatz, um der Schneemas- sen Herr zu werden. Nachdem das Autofahren bei diesen Straßenverhältnissen fast unmöglich war, bedienten sich viele Kunden wieder traditioneller Transportmittel wie Bob oder Rodel.

Feuerwehr und Straßendienst waren rund um die Uhr im Einsatz, um der Schneemas- sen Herr zu werden. Nachdem das Autofahren bei diesen Straßenverhältnissen fast unmöglich war, bedienten sich viele Kunden wieder traditioneller Transportmittel wie Bob oder Rodel.

Feuerwehr und Straßendienst waren rund um die Uhr im Einsatz, um der Schneemas- sen Herr zu werden. Nachdem das Autofahren bei diesen Straßenverhältnissen fast unmöglich war, bedienten sich viele Kunden wieder traditioneller Transportmittel wie Bob oder Rodel.

„Auf einmal haben alle gespürt, wie wichtig es ist, dass man einen Nahversorger im Ort hat.“

DIE GSCHÄFTE

Nah&Frisch Strasser, Radmer an der Stube 19a, 8795 Radmer an der Stube, Stmk.

Nah&Frisch Kolland, Hohentauern 9,

8785 Hohentauern, Stmk.

Nah&Frisch Troger, Hochschwab Str. 8,

8632 Gußwerk, Stmk.

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www.actimel.de

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www.colgate.at