Feste & Bräuche

Der „Hagmoar“

vom Hundstoa

Seit Jahrhunderten findet im Pinzgau um Jacobi mit dem Hundstoa- Ranggeln das ehrlichste Kräftemessen der Alpen statt. Schon die Jungen träumen davon, mit Kraft und Geschick zum „Hagmoar“ zu werden.

Text: Doris Wild Fotos: Thomas Kirchmaier

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er Himmel ist blau über dem 2.117 m hohen Hundstoa bei Zell am See im Salzburger Pinzgau, nur ein paar Wolken hängen zwischen den

Berggipfeln. Seit sieben Uhr früh wandern Ranggler und bergtaugliches Publi- kum von Maria Alm aus herauf. Ihr Lohn? Ein atemberaubender Ausblick über Berggipfel, Almseen, grüne Wiesen und eine Blumenpracht, die nicht nur Almkühe entzückt.


Wer wird „Hagmoar“?

Unterwegs lernen wir den elfjährigen Andreas Scheiber vom Rangglerverband Leogang kennen. Etwas wortkarg ist der Blondschopf und spürbar nervös. Er glaubt nicht daran, dass er gewinnen wird. Der Bedeutung des Hundstoa- Ranggelns ist er sich wohl bewusst und irgendwann will auch er ein „Hagmo- ar“ werden. Der Titel (gesprochen „Hogmohr“) kommt von „Hag“ (der Beste) und „Moar“ (Zaun) und bezeichnete früher das Amt des Richters bei Grenz- streitigkeiten. Einst wurde beim Ranggeln nämlich ein Zaun zur Begrenzung des Kampfbereichs gebaut. Heute wird dieser durch Sägespäne ersetzt.


Kampf der Bauern und Ritter

Ranggeln ist eine Weiterentwicklung des keltischen Ringens, das bereits einige hundert Jahre vor Christus in Europa ausgeübt wurde. Bauern und Ritter nah- men daran teil und manche Griffe, die damals zur Anwendung kamen, werden noch heute in gleicher Art praktiziert. Die Techniken wurden von Generation zu Generation überliefert. Das Hundstoa-Ranggeln zu Jacobi wurde erstmals 1518 erwähnt, dokumentiert sind Ranggelkämpfe ab dem 18. Jahrhundert. Ti- roler, Salzburger und Kärntner nahmen an kirchlichen Feiertagen am organi- sierten Kräftemessen teil. Seit 2010 ist es sogar Teil des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes. Ranggeln gilt als das ehrlichste Kräftemessen im Alpenraum. Obwohl in den letzten Jahren vereinzelt auch Frauen ranggeln, bleibt der Sport fest in männlicher Hand. Vor allem am Hundstoa.


Der Rangglerpfarrer und andere Originale

Mittlerweile ist es 10 Uhr geworden und die Naturarena füllt sich. Unten im Arena-Kessel hat Rangglerpfarrer Klaus Laireiter bereits mit der Bergmesse begonnen. Lairaiter selbst ist in Rangglerkreisen eine Legende. Der mittlerweile 60-Jährige wurde 1978 Hagmoar. Zuerst hielt er die feierliche Predigt da heroben am Hundstoa, anschließend rang der kräftige Gottesmann seine Gegner nieder. Das imponiert bis heute. Fit ist der Herr Pfarrer immer noch: 300 Liegestütze gehören für ihn zum täglichen Sportprogramm. Unter den Gästen im Statzer- haus, einer bewirtschafteten Almhütte, treffen wir andere Pinzgauer Originale wie Hans Gruber, den Besitzer der nahe gelegenen Pötzlalm. Auch er war einst Ranggler und erzählt von seinem Einsatz 1961, als noch 15 Zentimeter Schnee auf der Wiese lagen. Rupert Lengauer, ein fitter älterer Wanderer, kommt rasch zum Wesentlichen: 1952 und 53 – da sei er auf der Wiesn gestanden. Mit seinen 84 Jahren schafft er den Aufstieg vom Tal zum Hundstoa problemlos. „Mich zieht es einfach immer wieder herauf. Ich kann gar nicht anders.“


Wer am Rücken liegt, verliert

Die Regeln kennen sie alle. Wer zuerst auf den Schultern liegt, hat verloren. Mut, Technik, Kraft und Geschicklichkeit braucht man, um beim Ranggeln nach oben zu kommen. Die Grifftechniken wurden im Repertoire etwas erweitert, da viele Teilnehmer aus verwandten Sportarten wie Judo oder Ringen kommen. Würger oder Hebel sind verboten, jeder Kampf dauert sechs Minuten. Das war nicht immer so, erzählt der viermalige Hagmoar Josef Gruber. „Ich hab bei einem meiner Siege fast 20 Minuten gekämpft. Damals gab es kein Zeitlimit.“ Dass es dieses heute gibt, ist Organisator Hans Bernsteiner sehr recht. Er will die Kämpfe möglichst schnell durchbringen. Eine Schlechtwetterfront ist angesagt, und die kann am Berg sehr ungemütlich werden. Auch wenn Almoriginale wie Fred Steger und Alois Rexeisen („Ich war 69-mal beim Hundstoa-Ranggeln heroben“) versichern, dass es nicht so schlimm wird, vertraut Bernsteiner lieber auf seine Wetter-App.


Kampfgeist und Tränen

Im Ranggeln gibt es keine Gewichtsklassen. Das kann natürlich bei Kindern und Jugendlichen, die zuerst gegeneinander antreten, zu deutlichen körperli- chen Unterschieden führen. Mitleid mit vermeintlich Schwächeren gibt es aber nicht. Denn: Auch mit Schnelligkeit kann man seinen Gegner besiegen. Richtige Technik schlägt Körpergewicht.


Wie die Großen tragen auch die Jüngsten die Rangglerpfoad, eine Bekleidung aus weißem, reißfestem Stoff, die an den Hosenbeinen zusammengebunden wird. Dazu einen Ledergürtel. Schuhe sind verboten. Damit beginnt das Pro- blem an kalten, regnerischen Tagen. Die Wiese ist rutschig und kalt. So man- cher probiert den Kampf in Socken. Doch Härte gehört hier zur Philosophie und Sockenträger werden belächelt.


Der Kampfgeist spiegelt sich in den Gesichtern der Sechsjährigen, die sich an- griffslustig aufeinander stürzen, um mit dem schnelleren Griff den Kontrahen- ten „niederzulegen“. Da fließen schon mal Tränen beim Verlierer, der nach dem Kampf Trost bei den Eltern findet. Bei den Kleinsten setzten sich in die- sem Jahr die Tiroler durch. Den Matreier Trainern steht der Stolz ins Gesicht geschrieben. Erst bei den 14-Jährigen holen sich die Saalbacher den Sieg.


Schlechtwetter zieht auf

Rund 30 Ranggler sind am Start, als die allgemeine Klasse startet und gleich- zeitig der Regen einsetzt. Regenpelerinen werden im Publikum ausgepackt, die Anoraks mitten im Sommer hochgeschlossen. Wer noch vorher in der kurzen Ledernen und Shirt in den Rängen gesessen ist, hat jetzt zitternd blaue Knie. Umso besser kann man mit den Athleten mitfühlen, die sich durch die nass- kalte, schlammige Wiese kämpfen. Oft enden die Kämpfe in einem Unent- schieden. Dann scheiden beide Ranggler aus. Beim Ranggeln zählt nur der Sieg. Das muss auch der Hagmoar des Vorjahres, Hermann Höllwart, schmerzlich zur Kenntnis nehmen. Er scheidet mit einem Unentschieden be- reits nach der ersten Runde aus.


Finale in Kälte und Schlamm

Die Favoriten, das sind dieses Mal ohnehin andere: Christoph Mayer, im Hauptberuf Polizist, gilt als unschlagbar. Sein Vereinskollege Christian Pirch- ner erwies sich bereits in den Vorrunden als ernstzunehmender Kontrahent. Im Finale stehen sie einander erwartungsvoll gegenüber. Beide von den Vor- kämpfen ausgepowert, mit eiskalten Füßen, steifen Fingern, noch einmal be- reit, alles zu geben – denn es geht um den Hagmoar. Der Regen ist stärker ge- worden. Der Untergrund gefährlich rutschig. Nur so kann man Rangglerge- schichte schreiben.


Kampf bis zur Erschöpfung

Können, Kraft und ein bisschen Glück entscheiden über Sieg oder Niederlage. Nach sechs Minuten Kampfzeit bleiben beide Kämpfer erschöpft liegen. Es dauert Minuten, bis der neue Hagmoar jubelt und sich dessen bewusst wird, dass er mit seinem zweiten Sieg am Hundstoa nach 2013 zur Rangglerlegende geworden ist. Christoph Mayer schwingt die Hagmoarfahne, seine Kollegen hieven ihn auf ihre Schultern. „Man kann net so gut greifen, wenns so kalt und rutschig ist“, so sein Resümee – aber was schert echte Männer das Wetter, wenns um den Hagmoar geht?


Anm.: Der Artikel berichtet vom Hundstoa-Ranggeln 2016.

Dieses Jahr findet der Wettkampf am 30. Juli statt.

Spektakuläre Würfe sind der Weg zum Sieg. Wer hier nicht sofort noch in der Luft gegens- teuert, hat schlechte Karten und landet am harten, kalten, nassen Boden der Naturarena.

Alte keltische Ringergriffe prägen auch heute noch das Ranggeln am Hundstoa.

Manchmal lag um Jacobi noch Schnee – das Ranggeln fand trotzdem statt.

Sieger und „Hagmoar“ Christoph Mayer kann sein Glück kaum fassen.

{MEI TIPP}

„Der Hundstoa is da bei uns für einen Trinkspruch berühmt: Hundstoa biag di, Reamzeig ziag di, sakra san mia gsund!“

Hannes Dreiseitl, Nah&Frisch Kaufmann in 5700 Thumersbach/ Zell am See, Sbg.