Gutes aus der Region

Das Vlies der Götter

„Wer einem Alpaka zu lange in die Augen schaut, ist von ihm für immer

gefesselt“, sagt ein altes peruanisches Sprichwort. Ein Besuch bei den

steirischen Bergland-Alpakas bestätigt diese Redensart.


Text & Fotos: Martin Huber

Frisch geschorene Alpakas der Rasse Huacaya auf ihrer Weide in Vorlobming.

S

hanina, kimm her zu mir. Schau, wos i do für di hob!“ Ein schwarzes Alpaka reagiert sofort. Es spitzt seine Ohren und wendet seinen fried-

vollen Blick der Pöttlerhof-Bäuerin zu, die ein Büschel getrocknetes Heu in der Hand hält. Vorsichtig nähert es sich und beginnt, an den Halmen zu knabbern. Begleitet von einem leisen Summen, das sich in diesem Moment wie ein Ausdruck tiefer Zufriedenheit anhört. Währenddessen steht ein Mann mit einem Stück Karotte zwischen den Zähnen inmitten der Alpakaherde. Auge in Auge mit einem neugierigen Tier, das ins andere Ende der Karotte beißt und sie ganz behutsam „entführt“. Eine Szene, in der die besondere Beziehung der beiden Menschen zu ihren sensiblen Tieren spürbar wird.


Liebe auf den ersten Blick

Karl und Michaela Todtner heißen die beiden. Sie leben in Vorlobming bei St. Stefan ob Leoben und betreiben auf ihrem Bauernhof eine Alpaka- zucht. Das war nicht immer so. Seit mehr als 200 Jahren ist der Pöttlerhof im Besitz von Michaelas Familie. Über Generationen wurde hier klassische Milchwirtschaft betrieben. Karl erzählt: „2012 stellte sich die Frage: Bauen wir einen neuen Stall oder bauen wir den bestehenden um? Die Perspektiven in der Milchwirtschaft waren nicht besonders rosig. So waren wir offen für Alternativen. Nachdem wir einiges über Alpakas gelesen hatten, haben wir erst einmal einen Alpakabauernhof in der Steiermark besichtigt.“ Seine Frau Michaela ergänzt lächelnd: „Das war dann Liebe auf den ersten Blick! Wir wussten gleich: Das wirds werden.“


Shanina und Commandant

Sohn Christoph war damals Kfz-Mechatronikerlehrling und sofort von den Tieren begeistert. Gemeinsam mit den Eltern ersteigerte er 2013 bei einer Alpakashow in Deutschland die erste Alpakastute für den Pöttlerhof: Shanina. Als sie das Tier abholten, kamen eine weitere Stute und zwei Hengste dazu. Mittlerweile besteht die Herde aus etwa 70 Tieren, darunter Prachtexemplare wie der Deckhengst Commandant, der schon zahlreiche Preise gewonnnen hat und in seinem Stammbaum so klangvolle und – bei Alpakazüchtern – angesehene Vorfahren aufweist wie Commisario, Temptation, Conquistador und Accoyo Valverde.


Beste Tierfaser der Welt

Allein mit der Zucht von Alpakas gaben sich Karl und Michaela nicht zufrieden. Sie engagieren sich vor allem in der Verarbeitung und Ver- marktung der Wolle. „Die Inkas gaben der Alpakafaser die Bezeichnung ‚Vlies der Götter‘“, erzählt Karl. „Ich bin überzeugt davon, dass diese Faser die beste Tierfaser der Welt ist.“ Das edle Tierhaar ist im Durchschnitt zehnmal feiner als ein menschliches Haar. Karl umreißt die Verarbei- tungsschritte der Wolle: „Alpakas werden einmal im Jahr geschoren, meist im Frühling. Wir achten sehr darauf, dass das möglichst angstfrei abläuft, deshalb gehen wir dabei sehr langsam vor. Wenn wir merken, ein Tier bekommt Stress, unterbrechen wir. Das spüren die Tiere und sind von vornherein entspannter bei der Schur.“


Von der Wolle zur Ware

Danach wird die Wolle noch am Hof vorgereinigt. Das geschieht von Hand. Anschließend kommt sie in eine spezielle Wollwaschanlage, wo sie schonend in leichter Seifenlauge gewaschen wird. Nach dem Trocknen wird sie dann weiterverarbeitet. „Unsere Produzenten fertigen daraus unter anderem Decken, Unterbetten, Socken, Schuheinlagen, Schals, Pullover oder auch Sakkos und Jacken.“ Um die Lücke zwischen den Produzenten von Alpakawolle und den verarbeitenden Betrieben zu schließen, setzt sich Karl grenzübergreifend für die Vermarktung der Wolle ein. Im ver- gangenen Februar gründete er dazu sogar eine eigene Genossenschaft für Mitglieder in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein, die er als Obmann führt.


Das Vlies als Spiegel

„Das Vlies zeigt ganz genau, wie es dem Alpaka im vergangenen Jahr gegangen ist. Aus seiner Beschaffenheit ist ablesbar, ob das Tier gesund war oder Probleme hatte“, erklärt Karl und ergänzt: „Ich bin überzeugt davon, dass die Wolle erst dann ihre ganzen Stärken ausspielen kann, wenn es dem Tier gut geht und es respektvoll behandelt wird. Ist das Tier gesund und glücklich, erreicht die Wolle ihre höchste Qualitätsstufe.“ Damit es den Alpakas auf dem Pöttlerhof gut geht, vermeidet Familie Todtner jeglichen Stress im Umgang mit den Tieren. Außerdem achten die Landwirte genau auf eine ausgewogene Ernährung. Diese besteht aus- schließlich aus getrocknetem, spät gemähtem Heu und Grünfutter. Zur Stärkung des Immunsystems der von Grund auf sehr robusten Tiere erhalten sie noch ausgewählte Nahrungsergänzungsmittel.


Jedes Tier sucht sich seinen Menschen

Michaela ist besonders von der sozialen Kompetenz der Alpakas angetan: „Bist du im Leben aus dem Takt gekommen, können dich Alpakas dabei unterstützen, wieder zu dir selbst zurückzukommen. Aufgrund ihrer ausgezeichneten Eignung als Therapietiere werden sie auch ‚Delfine der Berge‘ genannt. Wenn man ihnen die Wahl lässt, sucht sich jedes Tier ‚seinen‘ Menschen.“


Auf unsere verblüffte Frage, wie das gehen soll, antwortet die Pöttlerhof- Bäuerin mit einem Beispiel: „Es waren vor Kurzem drei Therapeuten mit fünf schwer erziehbaren Jugendlichen bei uns. Obwohl die Burschen und Mädel am Anfang ziemlich desinteressiert waren, haben sie nach einer Weile mitgemacht und sich auf unsere Bitte hin in einem Kreis rund um die Herde gestellt. Und dann ist es losgegangen. Ganz langsam, aber beständig haben die Alpakas angefangen, Kontakt aufzunehmen. Nach nicht einmal einer Stunde hatte jeder Jugendliche ‚sein‘ Tier, das ihm zugegangen war. Der Tag wurde zu einem unvergesslichen Erlebnis für die jungen Menschen.“


Was die Wolle alles kann

Ebenso gut wie die Begegnung mit Alpakas tun Produkte aus Alpakawolle vielen Menschen. Karl erhält regelmäßig erfreuliche Rückmeldungen von Kunden: „Sie loben zum Beispiel, dass man in Alpakasocken nicht schwitzt. Oder dass die Bettdecken einen ruhigen Schlaf fördern. Sogar von Linderungen bei Kreuzschmerzen oder Rheuma wurde mir berichtet.“


Gerade in puncto Wollverwendung für den Schlafbereich sieht der Alpakabauer großes Potenzial. So hat er es – nach einigen Fehlschlägen – im Vorjahr geschafft, gemeinsam mit Spezialisten die weltweit erste Sommerdecke, die ausschließlich mit Alpakavlies gefüllt ist, zu entwickeln. Karl schwärmt: „Sie wiegt nur 500 Gramm und passt sich sofort der eigenen Körpertemperatur an. Die Alpakafaser unterstützt die Regeneration während des Schlafes, nimmt Feuchtigkeit auf, neutralisiert Geruchsent- wicklung und ist sowohl hautfreundlich als auch antibakteriell. Weil sie kein Wollfett enthält, eignet sie sich auch für Allergiker.“


Gesunde, wertvolle Produkte aus’m Dorf

Die vielen positiven Eigenschaften von Alpakaprodukten weiß auch Nah&Frisch Kauffrau Sabine Riedl zu schätzen. In ihrem Geschäft in St. Stefan ob Leoben, keine zehn Minuten vom Pöttlerhof entfernt, führt sie Bergland-Alpakaprodukte – von der Wolle in vielen farbigen Variationen über Socken bis hin zu gefütterten Babyschuhen. Die Zusammenarbeit mit Karl und Michaela Todtner bezeichnet sie als „wichtiges, auch persönlich sehr gutes Miteinander im Ort“. Und die Alpakaprodukte werden von den Kunden sehr geschätzt. Ein Paradebeispiel für regionale Wertschöpfung, hochwertige Produkte aus’m Dorf und Nahversorgung im besten Sinne.

www.bergland-alpaka.at

Die Inkas nannten die Alpakawolle wegen ihrer feinen Fasern das „Vlies der Götter“.

Durch ihr feinfühliges, gutmütiges, neugieriges Wesen und ihr herziges Aussehen ziehen Alpakas viele Menschen sofort in ihren Bann.

Im Umgang mit ihren Tieren vermeiden die Alpakazüchter Karl und Michaela Todtner jeglichen Stress.

„Nach einer Stunde hatte jeder ,sein‘ Tier, das ihm zugegangen war.“

Aus Alpakavlies entstehen hochwertige Produkte wie zum Bei- spiel Bettdecken für gesunden Schlaf.

Todtner Alpaka-Spezialitäten

gibts u. a. bei Nah&Frisch Kauffrau

Sabine Riedl in 8713 St. Stefan ob Leoben, Stmk.

Die hats

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www.land-leben.com

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www.milch.com