Mitten im Ort

Der Gamsbartbinder vom Offensee

Im Talschluss des idyllischen Offenseetales, nahe Ebensee im oberösterreichischen Salzkammergut, lebt Bertl Lahnsteiner und übt eine seltene Handwerkskunst aus: das Binden von Wildhaaren zu prachtvollen Trophäen.

Text & Fotos: Christoph Huber

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an sagt den Menschen im Salzkammergut gewisse Eigenschaften nach, die sie angeblich von der übrigen Weltbevölkerung unter-

scheiden. Traditionsbewusst und visionär seien sie, stur und doch offen, schroff und doch herzlich, gewitzt und jederzeit bereit, eigene Wege zu gehen. Und es scheint obligat, im Salzkammergut einen leicht schief sitzenden Trachtenhut zu tragen. Samt dem dazugehörenden Hutschmuck. Wenn man Bertl Lahnsteiner, den Gamsbartbinder vom Offensee, trifft, scheinen sich diese Vorurteile in gewisser Weise zu bestätigen. Genauer gesagt sind wohl gerade einige dieser Eigenschaften die Voraussetzung dafür, dass Bertl Lahnsteiner zu einem der besten und gefragtesten Bartbinder in Österreich geworden ist.


„Na Bertl, des wird nix!“

Mit seinem Großvater, dem Schwoaga Sepp, unterhielt sich der junge Bertl oft über die Bartbinderei. Dieser war unzufrieden mit der Arbeit der meisten hiesigen Bartbinder. Als Bertl seinem Großvater ankündigte, selbst dieses filigrane Handwerk erlernen zu wollen, prophezeite ihm dieser keine große Zukunft: „Schau da ån, deine Händ, groß wie Klodeckeln … na Bertl, des wird nix.“ Aber diese Einschätzung motivierte Bertl erst recht.


Sieger der Gamsbart-Olympiade

Die alten Bartbinder im Salzkammergut waren nicht sonderlich aus- kunftsfreudig, was die Weitergabe ihres Wissens betraf. Der damals

80-jährige Fritz Pilz aus Hallstatt gestattete Bertl Lahnsteiner jedoch, ihm eine Stunde lang bei der Arbeit zuzuschauen. Auf dieser Basis wagte sich der angehende Bartbinder an seine ersten Bindeversuche. 1985 war das, und gleich in diesem ersten Jahr seiner Tätigkeit beschloss Bertl Lahnsteiner, mit einem seiner Bärte an einem überaus prominenten Wettbewerb teilzunehmen: an der Gamsbart-Olympiade in Bad Goisern im oberöster- reichischen Salzkammergut. Mit überraschendem Ausgang: Bertl Lahnsteiners Gamsbart gewann und wurde prompt zum Olympiasieger gekürt. Im folgenden Jahr beschloss er wider jede Vernunft, seinen Job in der Saline zu kündigen und hauptberuflich als Bartbinder zu arbeiten.


Woher der „Gamsbart“ kommt

Seither sind viele Tierhaare durch Bertl Lahnsteiners Hände gegangen und zu prächtigen Bärten gebunden worden. Wobei die Bezeichnung „Bart“ leicht irreführend erscheint, stammen doch die meisten der verarbeiteten Tierhaare vom Rücken des erlegten Wildes. Neben Gamshaaren werden in erster Linie Haare von Hirsch, Dachs und Wildschwein verarbeitet. Zum Binden eines Bartes werden Haare in allen Längen benötigt; jene mit einer schönen weißen Spitze, dem sogenannten Reif, sind am wertvollsten für die kostbaren Trophäen. Die Haare werden nach ihrer Länge grob vor- sortiert und danach zu Büscheln mit je 100 bis 150 Haaren zusammengebunden. Damit der fertige Bart eine schöne, runde Form bekommt, werden die unterschiedlich langen Haarbüschel nach ihrer Länge gestaffelt auf ein Metallstäbchen aufgebunden. Den Zwirn dafür reibt Bertl Lahnsteiner für den besseren Halt mit Bienenwachs ein. Bis zu 40.000 Wildhaare verarbeitet der Wildbartbinder auf diese Art zu einem prächtigen, vollen Bart.


Tradition seit dem 12. Jahrhundert

Das Bartbinden hat eine lange Geschichte, nicht nur im Salzkammergut. Trophäen wie etwa Haare und Zähne wurden bereits in Urzeiten gesammelt und als Opfergaben verwendet. Ab dem 12. Jahrhundert trug man Bärte bestimmter Wildarten als Gesteck oder grob als Fächer gebunden. Die Verarbeitung wurde im Laufe der Zeit immer weiter verfeinert. Vor etwa 200 Jahren wurde es zur Tradition, einen Gamsbart am Hut zu tragen. Vor allem in Adelskreisen gehörte dies zum guten Ton; so wurde die Ehrwürdigkeit als guter und erfolgreicher Jäger unterstrichen. Dank berühmter Bartträger wie Kaiser Franz Joseph, Erzherzog Johann oder Prinzregent Luitpold von Bayern wurden Bärte als Trophäen in einer breiteren ländlichen Bevölkerungsschicht populär. Das war wohl auch Ausdruck der Naturverbundenheit und des Respekts vor den Naturgewalten. Die Jagd im Hochgebirge erforderte viel Mut und körperliche Anstrengungen. Der erfolgreiche Jäger zeigt mit der Trophäe, nem Hut, dass er diesen Herausforderungen gewachsen ist. Mittlerweile ist das Tragen eines Wild- bartes nicht mehr ausschließlich der Jägerschaft vorbehalten; selbst Bart- binder Bertl Lahnsteiner ist bekennender Nicht-Jäger. „I fürcht mi immer so, wenns tuscht“, meint er dazu lapidar mit einem verschmitzten Lächeln.


Eigenes Buch statt Geheimniskrämerei

Was die Weitergabe seines Handwerks betrifft, geht der Bartbinder vom Offensee einen anderen Weg als seine Vorgänger: Als Erster dieser Zunft hat er sein Wissen um die moderne Bartbinderei niedergeschrieben und sämtliche Arbeitsschritte in dem reich bebilder-ten Buch „Wildbärte – Anleitung vom Rupfen bis zum Binden“ dokumentiert. Eine wertvolle Hilfe bei der Niederschrift war ihm dabei seine Frau Monika – aus Nordrhein-Westfalen gebürtig, sei sie auf dem Gebiet des Schriftdeutschen sicherer als er, meint Bertl Lahnsteiner. Im Gegenzug dafür ist Monika von ihrem Ehemann in die hohe Kunst des Bartbindens eingeweiht worden und beherrscht das traditionelle Handwerk mittlerweile beinahe ebenso gut wie ihr Lehrmeister. Somit ist sie selbst in gewisser Weise zu einem Unikum geworden, als nicht jagende, gamsbartbindende Frau deutscher Herkunft. In Kombination mit ihrem Mann Bertl ein Gespann, wie man es wohl nur im Salzkammergut finden kann: traditionsbewusst und visionär, stur und offen, schroff und herzlich, jederzeit bereit, seinen eigenen Weg zu gehen.

Bertl Lahnsteiner benötigt nicht viel Platz zur Ausübung seines Handwerks – auf seinem kleinen Arbeitstisch fertigt er die prachtvollsten Trophäen wie diesen Gamsbart.

„Schau da ån, deine Händ, groß wie Klodeckeln …na Bertl, des wird nix.“

In einem ersten Schritt werden Büschel aus 100 bis 150 Haaren zusammengebunden.

Die einzelnen Büschel (Bild rechts) werden anschlie- ßend nach ihrer Länge gestaffelt auf ein Metallstäbchen aufgebunden. So bekommt der fertige Bart eine schöne runde Form.



„Die Haare mit einer schönen weißen Spitze, dem Reif, sind die wertvollsten.“

QUALITÄT ZÄHLT

„Der Lahnsteiner Bertl ist ja überregional bekannt. Auch bei uns im Pinzgau lässt man sich bei ihm den Gamsbart machen.“

Hannes Dreiseitl, Nah&Frisch

Kaufmann aus Thumersbach/

Zell am See, Sbg.

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