Von Mensch zu Mensch

Worums

im Leben geht

Heidemarie Feucht, von Geburt an sehbehindert

und heute fast blind, erzählt, wie sie sich nach

Jahrzehnten einen Lebenstraum erfüllt hat.

Text: Marcus Fischer Fotos: Sebastian Freiler

Den Blick auf die Hohe Wand kennt Heidi noch aus der Erinnerung.

S

chenkts euch bitte selber ein!“, sagt Heidi und deutet auf die Kaffee- kanne. „Weil i bin gut im Umschüttn und im Glaslumhaun!“, meint

sie schmunzelnd. „Ja, die Wirtschaft lebt gut von mir“, setzt sie mit einem herzlichen Lachen nach. Das ist es, was uns als Erstes auffällt an diesem Nachmittag in dem kleinen Ort Maiersdorf am Fuße der Hohen Wand: die unbändige Fröhlichkeit unserer Gastgeberin.


Der Lebenswille siegt

„Einen Lebensmut hab ich von Anfang an gehabt. Und den hab ich auch gebraucht“, erzählt sie. „Ich bin als Frühchen mit sechseinhalb Monaten auf die Welt gekommen. Da sind damals die Chancen schon schlecht ge- standen um einen. Ich hab dann im Brutkasten 40 Grad Fieber bekom- men, da habens mich schon für tot erklärt gehabt. Aber eine Ärztin hat mich gesehen und um mich gekämpft. Das erste halbe Lebensjahr war ich im Krankenhaus, aber ich habs geschafft!“ Damals, 1963, war die Medi- zintechnik längst nicht so weit entwickelt wie heute. Im Brutkasten hat die Sauerstoffzufuhr nicht so genau geregelt werden können – und des- halb habe sie die schweren Sehschäden davongetragen, erzählt Heidi.


Gehör und Gedächtnis

Wie sie uns heute wahrnimmt, möchten wir wissen. „Eigentlich nur als Schemen, als Schatten. Aber dafür hör ich gut. Wenn ich mit meinem Mann im Auto fahr, sag ich ihm immer, wenn was nicht stimmt beim Motor oder bei den Bremsen. Das hör ich genau. Aber er hört das gar nicht gern, weil er dann wieder in die Werkstatt muss“, sagt sie lachend. „Manchmal ist der Alltag aber schon schwer. Das Einkaufen zum Beispiel: Früher hab ich oft falsche Sachen mit heimgebracht, weil ichs ja nicht richtig seh. Aber seit die Doris (Ungersböck, Anm. d. Red.) im Ort ihr Nah&Frisch Geschäft aufgemacht hat, ist das vorbei. Da geh ich hin, sag Doris, ich brauch das und das, und sie bringts mir. Das ist perfekt.“ Was ihr sonst noch im Alltag hilft? „Ich hab ein sehr gutes Gedächtnis. Die Erinnerung ist für mich wie ein Inhaltsverzeichnis, ich weiß genau, wo was liegt und wo ich was find“, erzählt sie und schaut dabei aus dem Fens- ter. „Die Terrasse, den Berg, das erkenn ich ja alles schon lang nicht mehr. Aber ich weiß noch von früher, wie es ausschaut. Und drum seh ich es in der Fantasie.“


Kindheit am Berg

Aufgewachsen ist Heidi oben auf der Hohen Wand, wo ihre Eltern in ei- ner Schutzhütte eine Gastwirtschaft betrieben. „Ich war eher einsam“, er- zählt sie, „bin oben oft in den Wald gegangen und hab dort gespielt. Aus nix was machen, das lernt man am Berg.“ In der Schule waren die Lehrer verständnisvoll und ihre Freundinnen haben zu ihr gehalten, wenn sie wegen ihres Sehfehlers von Mitschülern verspottet wurde, erzählt sie. Das Lernen sei ihr trotz der Sehbehinderung leichtgefallen. Damals seien die Augen auch noch besser gewesen und in dieser Zeit habe sie auch ihre Leidenschaft entdeckt: das Lesen.


Kellnerin statt Buchhändlerin

„Wir haben auf der Hütte einen dritten Dachboden gehabt, ganz oben, der war winzig. Wenn ich mit dem Wäscheaufhängen fertig war, hab ich mich schnell nach oben verdrückt mit meinem Buch. ,Hanni und Nanni‘ hab ich damals richtig verschlungen. Da hat die Mama unten nach mir gerufen und ich hab gelesen und gelesen.“ Schon damals wusste Heidi ge- nau, was sie wollte. Als es um die Berufswahl ging, hatte ihr ein Gast auf ihre innige Bitte hin heimlich eine Lehrstelle in einer Musikalien- und Buchhandlung besorgt. „Aber da hab ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht gehabt – im wahrsten Sinne des Wortes. Nix da, hat mein Vater gesagt, der ja Wirt war. Du lernst Gastronomie.“ Und so war es dann auch. „Keine schöne Zeit“, resümiert Heidi die Jahre im Gasthaus. Die Augen wurden schlechter, es häuften sich die Operationen.


Die schlimmste Zeit

Eines Morgens im Jahr 1992 wachte sie mit starken Schmerzen in beiden Augen auf. Im AKH erhielt sie die Diagnose: Glaukom, Grüner Star. Sie wurde wieder und wieder behandelt, u. a. mit Laser. Doch die Schmerzen, hervorgerufen durch einen enormen Augeninnendruck, ließen nicht nach. Nach zwei Jahren Behandlung musste das linke Auge entfernt und durch eine Prothese ersetzt werden. Für Heidi die schlimmste Zeit ihres Lebens. „Ich hab erst gedacht, jetzt hau ich den Hut drauf. Ich will nicht mehr. Aber dann ist mein Lebenswille wiedergekommen. Und ich hab mir gesagt: Entweder du haderst jetzt bis ans Ende – oder du schaust, dass d’ das Beste draus machst.“


Filmreifes Rendezvous

Mit dieser Einstellung hat sich in den Folgejahren vieles zum Besseren gewendet. Durch ihren Mann Karl zum Beispiel, der sie heute im Alltag liebevoll unterstützt. Kennengelernt haben sich die beiden an einem eher ungewöhnlichen Ort. „Das war wie im Film: Ich war im Finanzamt und hab mit der Beamtin wegen der Kinderbeihilfe für meine Tochter disku- tiert, also eher energisch. Das hat dem Karl total imponiert: dass ich so kämpf für mein Kind. Da hat er sich mir in den Weg gestellt und gefragt, ob ich mit ihm einen Kaffee trinken gehen mag. Das haben wir dann ge- macht – und ein paar Tage später ist er schon bei mir eingezogen.“


Einen Traum erfüllt

Auch von der weiter schwindenden Sehkraft hat sich Heidi nicht entmuti- gen lassen. Im Gegenteil. Nach der letzten Operation fasste sie einen Ent- schluss: Ich schreibe ein Buch. Und diesen Traum hat sie sich gegen alle Widerstände erfüllt. Dank eines Bildschirmlesegerätes und eines automa- tischen Vorlesegerätes konnte sie wieder lesen – auch die eigenen Texte. Im August 2017 erschien „Sehbehindert – na und?“, es folgten Lesungen, Interviews und jede Menge positive Reaktionen. Das Buch erzählt von ihren Erfahrungen, gibt Sehbehinderten Tipps für den Alltag und schenkt Einblick in das Leben mit Sehbehinderung. Der Untertitel – „Mut tut gut“ – könnte ebenso gut Heidis Lebensmotto sein. „Nie aufgeben. Es gibt für alles eine Lösung, und wenn man Jahre danach sucht“, davon ist sie über- zeugt. Mit dem Buch hat sie sich einen Lebenstraum erfüllt: „Na ja, ich hab ja nie Buchhändlerin werden dürfen. Und jetzt les ich selber in Buch- handlungen – aus meinem eigenen Buch. Das ist schon witzig, oder?“, sagt sie, und wieder ist es da, ihr herzliches, helles Lachen.

Die Turnschuhe ihrer Tochter hat sie kreativ wiederverwertet.

„Ich weiß von früher, wie die Sachen ausschauen, und seh sie

in der Fantasie.“

Niemals aufgeben: Als das Augenlicht weiter nachließ, hat sich Heidi ein Bildschirmlesegerät und ein automatisches Vorlesegerät besorgt.

Damit konnte sie endlich wieder lesen – und ihr Buch schreiben.

Foto Lesung: Heidemarie Feucht

Das öffentliche Lesen übernehmen Tochter Lisa (l.) und Maria Kranner. Schutzengel hat Heidi in ihrem Leben viele gehabt.

BUCHTIPP:

„Sehbehindert –

na und? Mut tut gut“ 139 Seiten,

€ 14,90, Berger Verlag Horn, www.verlag-berger.at

Heidi mit ihrer Nah&Frisch Kauffrau Doris Ungersböck und ihrem Mann Karl, den sie filmreif kennengelernt hat.

Zur Vollansicht bitte antippen.

www.weltvonhaas.at