Von Mensch zu Mensch

Worums

im Leben geht

Rosi Quehenberger kennt die sonnigen Seiten des Lebens ebenso wie tiefe Krisen. Was es braucht, um im Leben trotz heftiger Schicksalsschläge glücklich zu sein, weiß sie heute sehr genau.


Text: Johannes Luxner Fotos: Sebastian Freiler

Blick auf den Hahnstein und Kreuzkogel bei Admont..

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und um Rosi Quehenbergers Haus zeigt sich die Obersteiermark an diesem Vormittag von ihrer besonders beeindruckenden Seite.

Hier in Admont treffen die schroffen Felsformationen des Gesäuses auf das satte Grün saftiger Wiesen und Wälder. Die Natur hat hier eine spektakuläre Landschaft geformt, die ihren besonderen Reiz aus den Gegensätzen bezieht – vor allem, wenn früh am Morgen die Wolkendecke aufbricht und die ersten Sonnenstrahlen auf Admont fallen.


Plötzlich in der Krise

Auch Rosis Lieblingsplatz auf dem Bankerl vor ihrem Haus ist heute bereits von der Sonne hell erleuchtet. „Jetzt sitze ich wieder gerne dort draußen. Das war nicht immer so“, erzählt sie, während sie den selbstge- machten Kuchen und den Kaffee serviert. Aus jedem Wort, aus jedem Blick spürt man ihre Lebensfreude. Positiv durchs Leben gehen zu können sei aber keineswegs eine Selbstverständlichkeit. „Ich bin 74 und weiß, welche Höhen und Tiefen das Leben bringen kann.“ Rosi lacht und greift zum Fotoalbum. Sie schlägt ihr Hochzeitsfoto aus dem Jahr 1963 auf. 55 Jahre ist sie mit ihrem Hans bereits verheiratet. Das Haus haben die beiden in den 1960er-Jahren gebaut und zwei Kinder großgezogen, auch Enkel sind mittlerweile da. Das glückliche Familienleben erfuhr aber 1988 eine herbe Zäsur.


Erfolge und Rückschläge

„Von einem Tag auf den anderen wollte ich nicht mehr vor dem Haus sitzen, obwohl ich dort immer gesessen bin“, beschreibt sie die ersten Anzeichen der Krankheit. „Ich wollte nicht mehr straßenseitig auf meiner Bank hocken, wo die Leute vorbeigehen. Ich habe mich stattdessen nach hinten in den Garten gesetzt. Ich wollte und konnte niemanden mehr sehen und schon gar niemanden grüßen.“ Ihr großes Glück sei damals gewesen, dass ihr Hausarzt schon mit dem Krankheitsbild Depression vertraut war. „Mein erster Gedanke war trotzdem: Die Leute werden sagen, die hats ja im Hirnkastl!“ Über diese Sorgen kann sie heute nur lachen. Doch trotz der Therapieerfolge wurden aus leichten Depressionen schwere Depressionen. Dann folgte ein weiterer Schicksalsschlag: Der engagierte Mediziner er- krankte schwer und verstarb kurz darauf. „Ich musste in Sachen Therapie von vorn beginnen.“


Mut zur Selbsthilfegruppe

Bald zeigte sich eine neue Facette der Krankheit: „Auf depressive Phasen folgten manische Phasen, die zwei Wochen dauern konnten. Das war für die Familie eine große Herausforderung.“ Unermüdlich, aber auch recht- haberisch und streitsüchtig sei sie in diesen Phasen gewesen. „Und dann ist wieder das große Loch gekommen.“ Rund um Weihnachten und vor allem zwischen den Feiertagen sei es besonders schlimm gewesen. Über viele Jahre hat sich an ihrer Krankheit wenig verändert. Doch sie hat nie resigniert und vieles ausprobiert – was letztlich in kleinen Schritten ge- holfen hat und zunehmend für Stabilität sorgte. „Von Seidenmalerei bis Korbflechten habe ich alles gelernt“, lacht sie. Eines der Schlüsselerlebnisse war letztlich der Besuch einer Selbsthilfegruppe im 20 Kilometer entfernten Liezen gewesen. „Zu wissen, dass es anderen ganz ähnlich geht, hat bereits Wirkung gezeigt. Doch vor allem hat sich für mich in meiner persönlichen Betrachtungsweise einiges relativiert.“


Polka als Therapie

„Manche Frauen in der Gruppe haben berichtet, dass sie von ihren Männern beschimpft werden, weil sie ja nur faul herumliegen würden. Andere haben gedroht, ihre Frau zu verlassen“, erinnert sich Rosi an die Erzählungen in der Selbsthilfegruppe. „Ich habe mir gedacht: Mein Hans würde das nie machen. Das waren für mich sehr wichtige Erfahrungen.“ Und eines Tages hat sie eine Kollegin in der Selbsthilfegruppe gefragt: „Rosi, warum gehst du eigentlich nicht tanzen?“ Gesagt, getan. Sieben Jahre ist sie jede Woche mit dem Bus nach Liezen zum Seniorentanz gefahren.


„Am Anfang bin ich zwar allen auf die Zehen gestiegen“, sagt sie lachend, „aber wenn du mal drin bist, ist es großartig. Und es ist auch ein super Training fürs Gehirn.“ Samba, Rumba, Polka, Walzer und Rock ’n’ Roll standen am Programm. „Ich trainiere die Schritte nach wie vor zu Hause, damit ich sie nicht verlerne.“ Das Tanzen habe Wesentliches zu ihrer Rettung aus den psychischen Tiefs beigetragen.


Immer in Bewegung bleiben

Heute bezeichnet sich Rosi als krisenresistent: „Mich kann nichts mehr aus der Bahn werfen.“ Auch nicht die Nachricht, dass bei ihr Parkinson festgestellt wurde. „Ich bin aber in guten ärztlichen Händen und kann zu meiner Gesundheit selbst sehr viel beitragen. Bewegung ist bei Parkinson die beste Therapie.“ Deshalb freut sie sich auch auf die heutige Wanderung, zu der sie gegen Mittag von einer Freundin abgeholt wird.


Es handelt sich um die jährliche gemeinsame Tour der Selbsthilfegruppe. Zwar nimmt Rosi bereits seit vielen Jahren nicht mehr an den Sitzungen teil, aber sie hält nach wie vor Kontakt und ist so wie heute beim jährlichen Ausflug mit dabei. Auch diese regelmäßigen Treffen mit Menschen, die sehr viel Verständnis füreinander haben, seien für sie und ihre Gesund- heit sehr wichtig. Apropos Wandern: Bereits sieben Mal war sie bei der großen Fan-Wanderung von Hansi Hinterseer in Kitzbühel mit dabei, was ihr sehr viel bedeutet. „Seine Musik beruhigt mich. Dazu stehe ich, auch wenn sich viele darüber lustig machen“, beschreibt Rosi ihre Erfahrungen mit der wohltuenden Wirkung der Lieder des einstigen Skirennläufers.


Lebensqualität ohne Auto

Dass sie noch lange Zeit gut auf den Beinen ist, findet Rosi besonders wichtig. So kann sie selbst Besorgungen erledigen, obwohl sie schon seit Jahren nicht mehr Auto fährt. Bis zum Nah&Frisch Geschäft der Familie Hoffmann in Admont sind es nur ein paar hundert Meter. „Diese Form der Eigenständigkeit bringt sehr viel Lebensqualität“, lobt Rosi den Wert der Nahversorgung im Ort. Auch zu den Kaufleuten Otmar und Eva Hoffmann hat sie ein gutes persönliches Verhältnis – nicht zuletzt deshalb, weil sie früher selbst im Handel tätig war, als Verkäuferin im damals größten Geschäft für Lebensmittel mitten im Zentrum von Admont. Aufgrund ihrer Krankheit musste sie die Arbeit, die sie sehr geliebt hat, damals aufgeben. „Das ist schon so lang her, aber ich erinner mich immer noch gern dran – das war eine schöne Zeit“, lächelt Rosi. „Aber jetzt muss ich los – zum Wandern“, sagt sie und verabschiedet uns herzlich an der Tür.

Mit ihrem Hans ist Rosi seit 55 Jahren glücklich verheiratet.

„Mein erster Gedanke war: Die Leute werden sagen, die hats ja im Hirnkastl!“

In der Zeit ihrer Krankheit hat sich Rosi Quehenberger stark zurückgezogen. Heute sitzt sie wieder gerne vor ihrem Haus, plaudert mit den Nachbarn und freut sich über Besuch.

Ein Hobby, das Rosi über alles liebt: das tägliche „Stichansagen“ mit ihrem Mann.

Ruhe findet Rosi Quehenberger im Garten hinter ihrem Haus. Das sanfte Rauschen des angrenzenden Baches sorgt für eine besondere Atmosphäre.

„Zu wissen, dass es anderen ganz ähnlich geht, hat bereits Wirkung gezeigt.“

Nahversorger vor der Tür: Otmar und Eva Hoffmanns Nah&Frisch Geschäft ist für Rosi zu Fuß erreichbar.

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