Winterbräuche

Unter Tag

und auf der Erde

Der Winter ist die Zeit der Bräuche und Legenden. In der Hochsteiermark heißt es zum Barbaratag nach alter Bergmannstradition „Glück auf“. Und im Salzburger Rauristal wünschen die Schnabelperchten noch Frieden und Gesundheit dazu.


Text: Ute Fuith

Der Bergkittel ist das wichtigste traditionelle Kleidungsstück der Bergleute.

M

it einem lauten „Hoooooruck“ feuern die Bergleute bei der Barbarafeier den Ehrengast an. Der Kandidat muss erst ein Glas

Bier ex austrinken, dann einen Wahlspruch aufsagen und schließlich von einem Holzfass über das „Arschleder“ – einen Ausrüstungsteil der Berg- leute, der sie beim Sitzen vor der Kälte und Nässe schützt – in den Berg- mannsstand springen. „Im Fall der Ehrengäste ist das freilich nur ein symbolischer Akt. Für echte Bergmänner und Montanisten ist es aber immer noch ein übliches Aufnahmeritual, das meist am Barbaratag, dem 4. Dezember, zelebriert wird“, erklärt Susanne Leitner-Böchzelt, Direktorin des Museumscenters in Leoben. Neben dem Titel „Ehrenbergmann“ erwirbt man mit dem Ledersprung auch das Recht, den Bergkittel zu tragen.


Die Heilige der Bergleute

Der Bergkittel ist das wichtigste traditionelle Kleidungsstück der Bergleute. Er ist aus schwarzem Stoff gefertigt und hat 29 vergoldete Knöpfe, die die 29 Lebensjahre der heiligen Barbara symbolisieren. Sie sollen die Sonne darstellen, das schwarze Tuch die Finsternis im Schacht untertage. Dass ausgerechnet die heilige Barbara Schutzheilige der Bergleute, Geologen und Maurer wurde, erklärt sich aus der besonderen Standhaftigkeit der Märtyrerin. Barbara war die Tochter eines heidnischen Königs in Klein- asien zur Zeit der Christenverfolgungen. Der Legende nach sperrte sie ihr Vater wegen ihres Naheverhältnisses zum Christentum in einen Turm ein. Seine Versuche, die Tochter vom damals „neuen Glauben“ abzubringen, blieben erfolglos. Schließlich wurde Barbara von ihrem Vater zum Tode verurteilt. Bei ihrer Enthauptung soll ihr Blut auf einen nahen Kirsch- baum gespritzt sein, und dieser hat angeblich sofort zu blühen begonnen. Daher auch der Brauch, am 4. Dezember – an Barbaras Namenstag – Kirschzweige in Wasser einzufrischen. Wenn diese Zweige zu Weihnachten blühen, steht im nächsten Jahr eine Hochzeit ins Haus.


Mettenschicht im Zeichen der hl. Barbara

Hautnah miterleben kann man die Feierlichkeiten in den alten Bergbauorten der Hochsteiermark, wo sich die „Barbarafeiern“ bis heute mit dem „berg- männischen Advent“ verbinden. Aufgrund ihrer Vielzahl finden die Fei- ern nicht nur am Barbaratag, sondern über den ganzen November und Dezember verteilt statt. Die Eisenerzer feiern zum Beispiel am 16. Dezember tief im Stollen in der Barbara-Nische des heutigen Schaubergwerks die bergmännische „Mettenschicht“ mit einer heiligen Messe. Ursprünglich war sie die letzte Schicht vor Weihnachten, bevor die Bergleute für kurze Zeit von der Mühsal und den Gefahren der Stollen befreit waren. Heute wird diese letzte Schicht nach wie vor zelebriert, auch wenn es in Eisenerz schon seit Langem keinen Untertageabbau mehr gibt.


Barbarafeiern in der Obersteiermark

Auch die Barbarafeiern der Knappenschaft in Vordernberg am 26. November und am 4. Dezember in Radmer sowie der bergmännische Advent in Trofaiach am 7. Dezember stehen ganz im Zeichen dieser Tradition. Außergewöhnliche Eindrücke lassen sich aber auch bei der Barbarafeier im Innerberger Gewerkschaftshaus in Eisenerz am 3. Dezember sammeln, wo neben dem erwähnten Ledersprung auch der traditionelle Barbaratanz stattfindet: Wenn die Eisenerzer Bergmusik die Melodie des Volksliedes „Der Bergmannsstand sei hoch geehret“ (s. Folgeseite) anklingen lässt, weiß man, dass der gemütliche Teil der Barbarafeier beginnt. Zu diesem gehören traditionell das würzige „Barbaragulasch“ und ein eigens im

nahe gelegenen Göss gebrautes „Barbarabier“.


Die Rauriser Schnabelperchten

Mit einem heiseren „Ga-Ga-Ga“ kündigen sich die Schnabelperchten im Pinzgau an. Am Vorabend von Dreikönig wandern sie im Salzburger Raurisertal von Haus zu Haus. Ihren Namen verdanken sie dem großen Schnabel, einer aufwändigen Konstruktion aus Holzstäben, Karton und Bauernleinen. Außerdem gehören Strickjacken, geflickte Kittel, „Dotschen“ (Strohschuhe), Buckelkorb, eine große Schere, Nadel, Zwirn und ein Besen zum Outfit der schrägen Vögel. „Diese Sonderform der Perchten gibt es nur noch bei uns. Im Gegensatz zu den lauten Schiachperchten – den „Rauriser Toifin“ oder Krampussen – ziehen wir aber leise durch die Gassen“, sagt Christian Lackner.


Die Zeit des Goldbergbaus

Der heute 30-jährige Rauriser ist seit seinem 18. Lebensjahr als Schnabel- percht im Einsatz: „Die Geschichte der Schnabelperchten geht angeblich bis in die Zeit des Goldbergbaus zurück, als es die Knappen mit der Sau- berkeit ihrer Behausungen oft nicht sehr genau nahmen“, erzählt Lackner. Bis heute prüfen die Schnabelperchten die Häuser auf Sauberkeit und Ordnung und stellen fest, ob die Haushalte ordentlich geführt werden.

Ist ein Kind frech, so nehmen die Schnabelperchten es der Legende

nach in ihrem großen Buckelkorb mit.


Fürchten lehren für den guten Zweck

Die Schnabelperchten sind in Gruppen von fünf Männern unterwegs. Lackners Truppe besucht am Vorabend des Dreikönigstages bis zu 62 Stationen. „Wenn es in einem Haus nicht sauber ist, zwicken wir die Hausleute mit Scheren – das ist aber nur symbolisch und tut selbstver- ständlich nicht weh“, erklärt der Percht. Die Kinder fürchten sich aber trotzdem. Das mag auch ein Grund sein, warum sie ihre Zimmer an diesem Abend besonders gründlich putzen. Neben einem Schnapserl oder einer kleinen Jause werden den Schnabelperchten auch Geldspenden angeboten. „Die sammeln wir jedes Jahr für einen guten Zweck.“


Frieden, Gesundheit und Glück

Auch in Wörth, einer zu Rauris gehörenden Ortschaft, sind vor dem Dreikönigstag Schnabelperchten unterwegs. Einer der Akteure dabei ist Bernhard Oberlechner. Der 40-Jährige startete seine „Karriere“ als Vogel- percht vor mehr als zwanzig Jahren. „Meine vier Brüder und ich haben diese Tradition von unserem Vater übernommen“, erzählt der Pinzgauer. „Wir sind überall herzlich willkommen. Die Kontrolle der Sauberkeit ist heute nur noch symbolisch. Es ist ein nettes Miteinander und zum Abschied wünschen wir ,An Fried, an Gsund und an Reim‘, also

Frieden, Gesundheit und Glück.“


Zeitgemäße Tradition

Die Schnabelperchten werden von den Raurisern und den Warthern in Handarbeit hergestellt. „Wir haben uns aber ein paar Modernisierungen einfallen lassen“, sagt Oberlechner. Die Schnäbel der Warther Vogelperchten sind inzwischen aus Kunststoff und die Strohschuhe können wie Gamaschen über die Winterschuhe gezogen werden.


„Das erleichtert das Trinken – und die Füße bleiben trocken.“ Die Ähnlichkeit mit den Pestärzten des Mittelalters, die auch Schnabelmasken trugen, ist für Oberlechner eher zufällig: „Es kann aber sein, dass die Schnabelperchten früher nicht nur Hausstaub, sondern auch böse Geister vertrieben haben. Dafür spricht das Datum, der 5. Jänner, der das Ende der Raunächte markiert.“

Der Bergkittel trägt 29 vergoldete Knöpfe – Symbol der 29 Lebensjahre der heiligen Barbara.

Fotos: Katarina Pashkovskaya, TVB/Florian Bachmeier, Foto Freisinger

Die Geschichte der Rauriser Schnabelperchten geht bis in die Zeit des Goldbergbaus zurück.

Die Perchten wünschen zum Abschied „An Fried, an Gsund und an Reim“.

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DER BERGMANNSSTAND

SEI HOCH GEEHRET

Hört ihr nicht des Glöckleins leises Schallen?

Hört ihr nicht die Klopfe, die uns ruft?

Nun wohlan, zum Schachte lasst uns wallen,

Ein „Glück Auf!“ erschalle durch die Luft.

Ja, den Söhnen der Gruben und der Berge

reicht ein jeder freundlich die Hand.

Es lebe hoch, es lebe hoch,

es lebe hoch, der Bergmannsstand!

Volkslied aus dem 19. Jh., Verfasser unbekannt

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