Gutes aus der Region

Wo der Tag

25 Stunden hat

Warum der Tag im Zirbenland eine Stunde länger dauert und worauf es bei einem guten Zirbenschnaps ankommt, erzählt Zirbenspezialitäten-Hersteller Gerhard Frewein.

Text: Marcus Fischer Fotos: Sebastian Freiler

Im Zirbenland: Blick von der Linderhütte auf den 2.396 Meter hohen Zirbitz.



Text.

Landschaftsfoto: zirbenland.at/Wolfgang Spekner, www.spekner.com

E

in harziger Duft entströmt dem Korb, aus dem Gerhard Frewein die Zirbenzapfen nimmt. Er trägt Handschuhe. „Das Pech ist so pickig,

da kannst gleich gar nix mehr angreifen.“ Dann schneidet er den Zapfen der Länge nach durch – das tiefrote Innere kommt zum Vorschein. „Riach amoi“, sagt er – und wir staunen. Nicht nur optisch wirkt der auf- geschnittene Zapfen wie eine exotische Obstsorte, auch der fruchtig-zitro- nige Duft erinnert daran. Dicke rote Tropfen bilden sich an der Oberflä- che. „Das is des Zirbenblut – es gibt dem Schnaps die kräftige Farbe“, er- klärt Gerhard.


Die Renaissance der Zirbe

Wir befinden uns im steirischen Zirbenland, ein paar Kilometer südwest- lich von Knittelfeld. „Da bei uns war die Zirbe immer schon präsent“, er- zählt der begeisterte Forstwirt und Zirbenspezialist. „In jedem Wirtshaus hats früher eine Zirbenstube gegeben. Jeder Bauer, der Zirben im Wald gehabt hat, hat seinen Zirbenschnaps angesetzt. Und die Frauen haben früher als Mitgift eine große Zirbenholzkiste mitbekommen, für die Wä- sche. Weil kein anderes Holz die Motten besser fernhält als die Zirbe. Das ist gegangen bis in die 40er-, 50er-Jahre. Dann war auf einmal die Zirbe tot“, fährt er fort. „Erst sind die dunklen Hölzer in Mode gekommen, Ma- hagoni und andere Exoten, dann das helle Holz, die Fichte. Und keiner hat mehr die Zirbe wollen. Bis man dann draufgekommen ist, was für eine Wirkung von dem Holz ausgeht.“


Ein Tag mit 25 Stunden

„Gwusst hat mans eh schon immer“, erzählt er weiter, „aber dann haben sies auch wissenschaftlich nachgewiesen, dass Zirbenholz so beruhigend wirkt. Wennst in einem Zirbenbett schläfst, geht der Kreislauf herunter, der Atem wird tiefer und die Herzfrequenz sinkt. Das ist schon erstaun- lich: In einer Nacht im Zirbenbett und am Tag drauf spart sich das Herz rund 3.500 Schläge. Das ist genau die Herzarbeit von einer Stunde. Drum sagen wir: Im Zirbenland dauert der Tag 25 Stunden“, erzählt Gerhard lachend.


Der Zeitlupenbaum

Grund für die beruhigende Wirkung von Zirbenholz ist der hohe Gehalt an ätherischen Ölen. Und die verdankt der Baum wiederum seiner beson- deren Konstitution. Die Zirbe ist nämlich der am langsamsten wachsende Nadelbaum hierzulande. Im Hochgebirge wächst sie gerade einmal einen Zentimeter pro Jahr. Dafür wird sie bis zu 1.200 Jahre alt und zählt zu den widerstandsfähigsten Bäumen. Bis zu neun Meter lang werden ihre Wur- zeln, mit denen sie sich in Erde und Fels krallt. Und damit wagt sie sich in Lebensräume vor, in denen andere Gehölze praktisch keine Überlebens- chancen mehr haben – auf über 2.000 Meter Höhe. Die ersten Zapfen ent- wickelt sie erst nach 60 bis 80 Jahren.


Gefährliche Zapfen-Ernte

„Und genau auf die kommt es an“, fährt Gerhard Frewein fort. „Die Zap- fen sind nämlich das Um und Auf beim Zirbenschnaps. Manche brocken die von unten am Baum oder nehmen Bäume aus den Mittellagen. Des ist alles nix“, sagt er und verzieht den Mund. Die Höhenlage sei entschei- dend, im doppelten Sinn: „Oben am Berg wachsen die Bäume langsamer, da haben die Zapfen mehr ätherische Öle. Und oben von der Baumspitze und von den äußeren Ästen musst sie brocken, dort hängen die besten. Aber das ist halt auch gefährlich.“ Immer wieder komme es zu schweren Unfällen, weil die Äste der Zirbe sehr leicht brechen. „Es is net ohne. Da steigst auf den Ast und es geht ,zack‘ und du bist weg. Wennst einmal im Fliagn bist, da dafangst di nimmer. Weil die Zirbe eiförmig wächst – da steht kein Ast auf die Seitn, der dich auffangt. Oben auf dem Zirbitz fallen immer wieder welche runter, die sich dann richtig schiach wehtun.“ Wie erntet man also am geschicktesten, wollen wir wissen. Gerhard zuckt mit den Schultern. „Ich hab zwei Bauern, die bringen mir immer erstklassige Zapfen. Aber wennst die fragst, sagt dir jeder, das ist ein Geheimnis.“


Das Geheimnis des Zirbenschnapses

„Genauso wie das Ansetzen von Zirbenschnaps – da wird dir auch keiner verraten, wie ers macht.“ Für Gerhard machen die Zapfen den Schnaps. Dabei zählt aber nicht nur die richtige Lage, sondern auch der richtige Zeitpunkt. „Zwei Jahre wachsen die, bis sie reif sind. Und dann musst die richtige Woche erwischen. Brockst sie zu früh, sind sie drinnen violett, bist zu spät dran, sind sie braun. So richtig schön rot sind sie nur eine Woche lang. Und die musst abpassen.“ Rund 350 Kilo Zirbenzapfen ver- arbeitet Gerhard im Jahr – für rund 1.000 Liter Schnaps. Vier Wochen legt er die Zapfen in reinen Korn ein, danach ist der Schnaps leuchtend rot und wird gefiltert. Je nach Geschmack mischt er dann noch Zucker bei, „sonst schmeckt er zu pechig, das ist wie Medizin“. Sein persönliches Rezept: „Für die Damen nicht zu herb, für die Männer nicht zu süß.“


Zirbenschnaps ist „wie Wien“

Im Hintergrund seiner Zirbenholzwerkstatt brodelt der große Destillier- kessel für das Zirbenöl vor sich hin. Ab und zu steht Gerhard auf und rückt das Gefäß zurecht, das das kostbare Öl auffängt. Aus frisch gehäck- seltem Zirbenreisig wird es destilliert. Rund 150 bis 200 Kilo Reisig braucht er, um 1 Liter Öl zu gewinnen. Im Herbst und Winter ist es als Duftöl oder auch zum Inhalieren bei Verkühlungen beliebt, weil es anti- bakteriell und schleimlösend wirkt. „So, jetzt is aber genug gefachsimpelt. Jetzt müss ma kosten“, sagt Gerhard und schenkt uns sein „Zirberl“, den Zirbenschnaps, ein. „Das erste ist das Gewöhnungsstamperl“, warnt er uns, „weils halt doch ungewohnt schmeckt, das harzige, ein bissl bittere Aroma.“ Und er behält recht. Beim ersten Schluck schüttelt es uns leicht. Er schaut uns amüsiert an: „Ich sag immer, Zirbenschnaps ist wie Wien – man mags oder mags nicht.“ Der zweite Schluck ist schon deutlich be- kömmlicher. Man schmeckt tatsächlich den Baum, den würzigen Duft. „Danach kommt das Genussstamperl“, sagt Gerhard und ist dabei, die zweite Runde einzuschenken. Wir müssen schweren Herzens ablehnen, uns steht noch die Rückfahrt bevor. Zudem drängt die Zeit. Wir bedan- ken uns herzlich und machen uns auf den Heimweg – denn außerhalb des Zirbenlandes hat der Tag leider doch nur 24 Stunden.

„Nach 2 Jahren sind die Zapfen reif. Dann musst die richtige Woche erwischen.“

Gerhard Frewein vor seiner Zirbenöl-Destille. Das „Zirbenblut“ der Zapfen gibt dem „Zirup“ seine sattrote Farbe.

Aus rund 150 bis 200 Kilo Zirbenreisig (oben) entsteht 1 Liter Zirbenöl.

Der hats

Zirbenspezialitäten

„Zirberl“ (Zirbenschnaps) und „Zirup“ (Zirbensirup) von Gerhard Frewein gibts u. a. bei Ferdinand Penz, Nah&Frisch Penz, 8720 St. Margarethen bei Knittelfeld, Stmk.

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