Herbstbräuche

Koa Gimpe, koa Zeisei

Im Salzkammergut ist der alte Brauch des Vogelfangs noch heute Tradition und Ausdruck der Naturverbundenheit. Die gefiederten Freunde werden einen Winter lang durchgefüttert und umsorgt und im Frühling wieder in die Freiheit entlassen.


Text: Ute Fuith

A

uf der Zimnitz, dem markanten Gebirgsstock nördlich von Bad Ischl, beginnt der Tag für Alfred Lichtenegger früh. Schon vor

Sonnenaufgang ist der Obmann des Salzkammergutverbands der Vogel- freunde zu seinem Fangplatz aufgestiegen, um einen hübschen Gimpel, Zeisig, Stieglitz oder Kreuzschnabel zu fangen. Alfred Lichtenegger übt die Kunst des Vogelfangs nun schon seit 37 Jahren aus. Ab 15. September startet die Saison der Vogelfänger, zu Kathrein am 25. November endet sie. Bis dahin hofft jeder auf sangesfreudige Beute. Wobei „Beute“ eigentlich nicht der passende Ausdruck ist: „Der Vogelfang im Salzkammergut hat nichts mit den blutigen Vogelfangmethoden zu tun, die in Südeuropa praktiziert werden“, erklärt Lichtenegger. Im Gegenteil: „Für uns sind die Singvögel gefiederte Freunde. Wir fangen sie behutsam, ohne dass sie sich verletzen, und halten sie dann über den Winter in großen Volieren, wo sie artgerecht gefüttert und umsorgt werden“, beschreibt der Vogelfreund.


Der begehrte Alpenpapagei

Der begehrteste Vogel im Salzkammergut ist der Kreuzschnabel oder Alpenpapagei. Er verdankt diesen Namen seinen hervorragenden Kletter- künsten. Und noch eine Besonderheit zeichnet diesen Vogel aus: Seine ersten Jungen brütet er bereits im Januar aus, wenn überall noch Schnee liegt. Die zweite Brut erfolgt dann im Mai oder Juni. „Wenn es ein frucht- bares Waldjahr ist, wenn der Wald also blüht und viele Wipfel hat, dann bekommt der Kreuzschnabel sogar bis zu viermal im Jahr Junge“, verrät Obmann Lichtenegger. Um einen Vogel fangen zu können, müsse man sein Verhalten genauestens beobachten. Über die Jahre haben es Lichtenegger und seine Vereinsgenossen zur echten Meisterschaft in angewandter Vogelkunde gebracht.


Von „Guatschreiern“ und „Wistlan“

„Jeder Vogel ist verschieden und hat seine Eigenheiten. Manche sind jedoch innerhalb der Arten ziemlich ähnlich“, erklärt Lichtenegger. Leitvögel ver- hielten sich generell anders als „normale“ Mitglieder. Auch im „Gschroa“ – der Singweise – unterscheiden sich die Vögel. „Beim Kreuzschnabel gibt es ,Schlimpara‘, ,Guatschreier‘, ,Hellschreier‘, ,Tschlocken‘ und ,Wistla‘“, nennt Lichtenegger die häufigsten Gruppierungen.


Tradition seit 1579

Der Brauch des Vogelfangens reicht übrigens weit zurück. Erstmals erwähnt wird der Salzkammergut-Brauch in einer Instruktion von Kaiser Rudolf II. vom 20. Dezember 1579. Darin erklärt er nicht nur den Vogelfang selbst als legal für das einfache Volk, sondern erlaubt ihn auch auf kaiser- lichen Besitzungen. Das war besonders im Salzkammergut von Bedeutung, weil fast die gesamte Region unter direkter kaiserlicher Verwaltung stand. Salzburgs Erzbischof Matthäus Lang regelte den Vogelfang bereits 1526 in ähnlicher Weise. Zahlreiche weitere Erlässe, Dekrete oder Patente folgten in den kommenden Jahrhunderten. Der ständige Hinweis auf das Recht des Vogelfangs gerade für die einfachen Landsleute hatte zur Folge, dass der Vogelfang die „Jagd des kleinen Mannes“ wurde.


Behutsame Fangmethoden

Gefangen werden übrigens nur männliche Vögel – „weil die schöner sind. Die Weibchen sind grau und farblos, außer beim Stieglitz, die schauen gleich aus“, erklärt Lichtenegger. Früher kamen beim Vogelfang haupt- sächlich Schlaghäuschen, Leimruten oder Kloben zum Einsatz. Heute werden ausschließlich Netzkloben verwendet. Dabei werden die Vögel nicht mehr an den Beinen festgehalten, sondern nur von einem ca. 20 x 30 cm großen Netz umhüllt. „Die Engmaschigkeit des Netzes verhindert ein Hängenbleiben oder Einhaken der Flügel. Das Netz wird auch nicht fest zusammengehalten, sondern nur oben überkreuzt, sodass ein Befrei- ungsversuch das Netz schließt und nicht öffnet. Ein Vogel, der nicht zur Gänze vom Netz umgeben ist, kann sich leicht und ohne Verletzungsgefahr daraus befreien“, beschreibt der Vogelfreunde-Obmann.


Abschied im Frühling

Ist ein Vogel gefangen – was gar nicht so häufig passiert –, kommt er in eine mindestens vier Kubikmeter große Voliere und wird über den Winter gehalten. Handzahm mache man ihn nicht, damit er sich später in der Natur wieder selbst erhalten könne, erklärt Lichtenegger. Während der Winterzeit verbringt er täglich mehr als zwei Stunden mit seinen Waldvögeln: „Ich rede mit ihnen, beobachte sie und gebe ihnen Futter.“ Der Abschied im Frühling fällt nicht immer leicht. Schließlich habe man sich aneinander gewöhnt. „Aber“, so Alfred Lichtenegger, „es ist auch schön, den Vögeln wieder die Freiheit zurückzugeben.“


UNESCO-Kulturerbe

Seit 2010 ist der Vogelfang im Salzkammergut übrigens ins UNESCO-

Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes Österreichs aufgenommen. Das habe laut Lichtenegger auch die ständigen Attacken von Tierschützern ein wenig beruhigt. „Wir haben erst im Vorjahr neue, verpflichtende Statuten aufgestellt, damit es zu keinen Unregelmäßigkeiten kommen kann.“


Abgesehen davon fließt ja beim Vogelfang im Salzkammergut kein Blut. Und die Singvögel kehren nach ihrer Winterpause unversehrt in die Wildnis zurück. Es kann auch vorkommen, dass ein freigelassener Vogel im nächsten Winter wieder zurück zu seinem Gastgeber kommt. Und das ist aus Sicht des Vogelfreundes Lichtenegger doch Beweis genug, „dass es den gefiederten Freunden bei uns gut geht“.

Seit 2010 ist der Vogelfang im Salzkammergut Teil des österreichischen UNESCO-Kulturerbes.

Fotos: Mauritius Images, iStock, Toni Anzenberger

Besonders beliebt bei den Vogelfängern im Salzkammergut: der Kreuzschnabel oder Alpenpapagei.

Im Frühjahr kehren die Vögel in die

Wildnis zurück.

{TRADITIONELLES VOGELFÄNGERLIED}


Koa Gimpe, koa Zeisei


Koa Gimpe, koa Zeisei

geht ein ins Häusei, ho-la

hola re di ri di ei, hola ra di jo

auf a Leimspindl scho,

bald i’s Lockn guat ko

hola re di ri di ei ho


In Wald bin i ganga, hab Kleban* aufgricht,

hola re di ri di ei, hola ra di jo,

an alts Weibi hab i gfanga, dös Ding hat mi gift,

hola re di ri di ei ho


Mei Vater hat gsagt, i sollt Vögl fanga,

hola re di ri di ei, hola ra di jo,

kennt d’Weibi und d’Mandl net ausanonda,

hola re di ri di ei ho


*Worterklärung:

Kleban = Leimrute, Leimspindel

Aus: Kotek, Georg und Zoder, Raimund:

Im Heimgarten. Ein österreichisches Volksliederbuch, Wien 1950, S. 52

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