Von Mensch zu Mensch

Gschichtn

aus‘m Leben

Die Mostviertler Bauersleute Leopoldine und Johann Frühwald wissen,

was ein arbeitsreiches Leben ist. Mitunter hat das Ehepaar harte Zeiten

durchlebt. Im Gespräch erzählen sie, was für sie Glück bedeutet.


Text: Johannes Luxner Fotos: Sebastian Freiler

Drei Jahrzehnte lang haben Leopoldine und Johann am malerischen Höhenberg den Hof bewirtschaftet. Heute können sie es ruhiger angehen.

A

uf über 800 Meter Seehöhe angekommen, erwartet uns mit dem Hof Höhenberg ein Idyll von einem Bauernhof. Allein gelegen, bietet er

einen fantastischen Fernblick über die gebirgigen Rücken des Mostviertels bis in den flachen Teil Niederösterreichs. Am Hang vor dem Hof reiht sich Obstbaum an Obstbaum. Es ist eine malerische Gegend. Gerade an einem strahlend blauen Hochsommertag wie heute. Doch wer hier Land- wirtschaft betreibt, sieht das mitunter anders. „Es waren auch harte Zeiten“, sagt Leopoldine und lächelt verschmitzt, „aber es ist immer bergauf gegangen.“ Sie strahlt wie ihr Mann Johann eine Aufgewecktheit und zugleich eine große Ruhe und Zufriedenheit aus.


Wissen, was man will

Heuer im Jänner haben die Frühwalds Goldene Hochzeit gefeiert. Wie sie sich kennengelernt haben, ist leicht beantwortet. „Gekannt haben wir uns schon immer. Wir waren beide bei der Landjugend und bei der Musikkapelle. Ich hab als Marketenderin Schmankerln verkauft, er als Flügelhornist gespielt“, erinnert sich die 71-Jährige zurück an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. „Ich wollte unbedingt Bäuerin werden und habe mich ganz bewusst für einen Mann entschieden, der ein paar Jahre älter ist und ge- nauso weiß, was er will.“ Doch mit dem Heiraten war das damals nicht so einfach. Leopoldine war das älteste von insgesamt elf Kindern. „Um ohne Einwilligung der Eltern heiraten zu dürfen, musste man damals 21 Jahre alt sein.“ Und Leopoldine wurde am elterlichen Hof als Arbeitskraft ge- braucht. „Mein Vater hat gesagt: Ich unterschreibe sicher nichts. Also haben wir warten müssen.“ Umso eiliger hatten es die beiden, sobald Leopoldine volljährig war. „Am 15. Jänner 1969 bin ich 21 geworden. Drei Tage später haben wir geheiratet. Seitdem bin ich hier am Hof.“


400 Jahre alter Hof

Mit dem heutigen landwirtschaftlichen Betrieb hatte der damalige Bau- ernhof allerdings wenig gemeinsam. Das jahrhundertealte Anwesen war stark renovierungsbedürftig, was angesichts der Geschichte des Hauses nicht wundert.„Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Bauernhof im Jahr 1625“, erklärt Johann. Die Urkunde ist ein Dokument der Brutalität des 17. Jahrhunderts. „Die evangelischen Bauern mussten im Zuge der Gegenreformation mit Sack und Pack den Hof verlassen. Sie durften nur mitnehmen, was auf den Karren passte und sind damit ins Frankenland gegangen.“ Im Familienbesitz ist der Hof seit dem Jahr 1815. Der 77-Jährige muss kurz rechnen: „Wir Frühwalds sind hier in siebter Generation.“ In der Region sind die Frühwalds auch als die Hechals bekannt – benannt nach dem Hechaberg. So wird der Höhenberg im Dialekt genannt.


Harte Jahre nach der Hochzeit

Mit der Heirat begann auch die beschwerlichste Zeit im Leben von Leopoldine und Johann Frühwald. Johanns Vater wollte und wollte nicht loslassen. Zehn Jahre lang haben sie auf die Übergabe des Hofes gewartet. Bis dahin hieß es, als Knecht und Magd schuften. Um dennoch etwas Geld ins Haus zu bringen, verdingte sich Johann als Holzknecht: „Die gefährlichste Arbeit überhaupt! Gerade wir Tagelöhner mussten in besonders unzugänglichen Waldteilen Holz schlagen und transportieren. Im Volks- mund hat es damals geheißen: Für einen Holzknecht reicht ein Schutzengel nicht aus.“ Nicht alle hatten so viel Glück wie er. Johanns Gesicht wird ernst. Er erinnert sich an seinen Kollegen, den Didi: „Ein junger Bursch, der hat aber schon Jahre gearbeitet und war ein erfahrener Holzknecht. Mit dem wars von einem Moment auf den anderen aus – er ist bei der Arbeit verunglückt. Das gibt dir zu denken.“


Selbstbewusstsein durch Arbeit

Damals in den 1970er-Jahren hat Johann auch in einem Ziegelwerk gearbeitet und war für einen Baumeister tätig. Das hatte auch viel Gutes. „Angefangen vom Fliesenlegen habe ich damals wahnsinnig viel gelernt. Das konnte ich später am Hof gut brauchen“, erzählt er. Ohne Leopoldine wäre das alles nicht möglich gewesen. „Dass mein Mann überhaupt so viel arbeiten gehen konnte, ist nur gegangen, weil ich mich in dieser Zeit am Hof um alles gekümmert habe“, erklärt die Bäuerin. „Mit dem Traktor bin ich immer schon gefahren, aber das waren ganz andere Maschinen als die Traktoren von heute. Da hast beim Heuen schon schauen müssen, wo du hinfährst, damit du auch wieder umdrehen kannst.“ Auch mit dem Schneepflug war sie auf der kurvigen und steilen Straße viel unterwegs. „Damit mein Mann mit dem VW Käfer am Abend auch wieder zum Hof raufgekommen ist.“ Doch so hart das alles war: „Das macht dich eigenständig und gibt dir Selbstbewusstsein.“


Aus Fehlern gelernt

Ende der 1970er-Jahre hat der Schwiegervater endlich den Hof übergeben. In der Folge haben die beiden umso mehr angepackt. Mit dem hart ver- dienten Geld wurde der Hof ausgebaut. Den zusätzlichen Platz konnten die Frühwalds gut gebrauchen. Schließlich waren in der Zwischenzeit zwei Töchter und zwei Söhne auf die Welt gekommen. Gustl, der jüngste, hat den Hof 2006 übernommen. Johann: „Ich wollte nicht denselben Fehler machen wie mein Vater und zu lange mit der Übergabe warten.“ Worauf er besonders stolz ist: „Alle sind der bäuerlichen Welt treu geblieben.“ Sohn Johann züchtet Schafe. Tochter Adelheid betreibt im Nebenerwerb eine kleine Landwirtschaft und die zweite Tochter, Christa, ist Kräuterpädagogin.


Seit 1993 Biobauern

In den drei Jahrzehnten haben Leopoldine und Johann viel am Hof bewegt. Und sie konnten sich so manchen Traum erfüllen. „Wir haben zehn Jahre lang einen Mostheurigen betrieben. Wirtin zu sein, davon habe ich schon als junges Mädchen geträumt.“ Und sie haben die Zeichen der Zeit erkannt. Seit 1993 ist der Hof ein Biobetrieb, mit dem Aufkommen der Regional- vermarktung hat sich die Produktpalette erweitert. Den Most, die Säfte, den Marillenbrand und den Birnen-Cider gibt es auch bei Nah&Frisch „Unser G’schäft in Reinsberg“. Sohn Gustl setzt in seiner Bewirtschaftung auf die Ennstaler Bergschecken – eine alte Hausrindrasse.


Viel Arbeit, wenig Streit

Doch was ist das Rezept für eine gute Ehe? Leopoldine muss nicht lange nachdenken: „Du musst realistisch sein. Du musst wissen, was möglich ist und was nicht. Nur weils manchmal schwierig ist, darfst nicht alles gleich wegschmeißen.“ Doch auch das ständige In-Bewegung-Sein zählt. Johann: „Wenn du immer wieder Projekte schaffst, dann entsteht ein Glücksgefühl.“ Leopoldine lacht: „Und wennst viel arbeitest, hast auch nicht viel Zeit zum Streiten.“

Mostkultur: Seit 1993 ist der Hof ein Biobetrieb, seit 2007 gibts auch feinsten Bio-Most.



„Im Volksmund hat es damals geheißen: Für einen Holzknecht reicht ein Schutzengel nicht aus.“

Bereits in ihren jungen Jahren war Leopoldine leidenschaftliche Traktor- fahrerin. Fürs „Griaß di“ hat sich die Altbäuerin noch einmal hinter das Lenkrad gesetzt.

Die Werkstatt von Johann, wo er seit seiner Jugend Körbe flicht. Als junger Mann hat er sich damit das Geld für sein erstes Motorrad verdient.





Die selbst gemachte Bürste hat Johann seiner Frau anno 1967 zu Weihnachten geschenkt.



Das alte Presshaus hinter dem Bauernhaus zeugt von der Geschichte des Hofes, der 1625 erstmals urkundlich erwähnt wurde.

Seit 2006 führt der jüngste Sohn Gustl den bäuerlichen Betrieb.

Zum 70er hat Johann „seiner Poldi“ einen Korb geflochten.

„Unser G’schäft in Reinsberg“ versorgt den Ort seit sieben Jahren mit Lebensmitteln und Spezialitäten aus‘m Dorf.



„Wenn du immer wieder Projekte schaffst, entsteht ein Glücksgefühl.“

Birnen-Cider …

… und andere Spezialitäten

vom Biohof Höhenberg

(www.hechal.at)

gibts u. a. bei „Unser

G’schäft in Reinsberg“,

3264 Reinsberg, NÖ.

Die habens