Brauchtum

Die Strafpredigt

des Höllenfürsten

Im Steirischen Salzkammergut hat sich ein prachtvoll-schauriges Nikolospiel erhalten, das jedes Jahr am 5. Dezember aufgeführt wird. Besuch bei den Mächten des Lichts und der Finsternis in Bad Mitterndorf.

Text & Fotos: Martin Huber

Die geheimnisvollen Schab werden aus Roggenstroh gebunden und schnalzen mit ihren Goaßln – hier vor der Bergkulisse des Grimming.

H

err Pfårrer, Herr Pfårrer, Herr geistlicher Herr. I bitt recht schön, kemmans a weng her! I bin a ålter Bettelmånn, der koa rechti År-

beit neamma leistn kånn. I möcht a gern in Himmel hinein, Herr Pfårrer, möchtens mir nid dabei a weng behilflich sein?“ Mit diesen Worten eines sterbenden Bettlers beginnt das turbulente Treiben des traditionellen Bad Mitterndorfer Krampusspiels. Hier, im nordwestlichen Zipfel der Steier- mark, hat sich ein bäuerliches Jedermannspiel erhalten, das früher in der ganzen Region verbreitet war, im Lauf der Jahrzehnte aber immer mehr in Vergessenheit geriet. Im Hinterberger Tal von Bad Mitterndorf, vor der mächtigen Felskette des Grimming (2.351 m), ist es heute lebendiger denn je.


Ein wilder Tross

5. Dezember, Vorabend des Nikolaustages. Pünktlich um 17 Uhr findet sich ein wilder Tross vor dem Landhotel Kanzler im kleinen Dorf Krungl bei Bad Mitterndorf ein. Rund 110 Figuren bilden einen Zug, der von Strohfiguren mit meterlangen Hörnern auf den Köpfen angeführt wird: den sogenannten „Schab“. Sie schnalzen mit ihren Peitschen, den Goaßln, im Achtertakt und bahnen den paarweise nachfolgenden Gestalten den Weg. Freundliche Figuren bilden den Anfang, wie etwa der in Polizeiuni- form gekleidete Quartiermacher, der Barchtl mit einem Korb voller Sü- ßigkeiten, der heilige Nikolaus, der Bettelmann mit dem krummen Holz- stock, der Pfarrer und viele mehr.


Doch dann kommen schon die finsteren Gesellen: der Tod mit Sense, Ha- bergeiß und Schmied und schließlich Luzifer persönlich inmitten einer wilden Krampushorde. Der Höllenfürst wird von zwei kleinen Krampus- sen, den sogenannten Luziferhåbern, mit einer Kette gehalten. Neben Lu- zifer geht der hoch aufragende Eheteufel. Die Nikolojäger sorgen für Ord- nung unter den Krampussen und beschließen den Zug.


Das Sterben des armen alten Mannes

Während draußen das Schnalzen der „Schab“ und das gespenstische Läu- ten der Krampusschellen zu hören sind, nimmt in der Gaststube das schaurige Nikolospiel seinen Lauf. Der Bettelmann will sich mit dem Sterben noch Zeit lassen, beschönigt seine Schandtaten und ist auch nur halbherzig bereit, Buße zu tun: „Jå, beichtn, beichtn, dås war scho recht, dås Gschäft versteh i åba schlecht, und Reu gspür i wohl a nit viel, wånn i die Såch so nehma will.“ Während er so mit dem Pfarrer spricht, betritt der Tod mit der Sense die Stube und setzt dem Leben des Bettelmanns ein jähes Ende. Unmittelbar darauf wird es turbulent in der Gaststube: Zwei Krampusse zerren den verstorbenen Bettler hinaus. Der heilige Nikolaus mahnt alle Versammelten, sich das soeben Erlebte zu Herzen zu nehmen, und verlässt gemeinsam mit dem Pfarrer das Gasthaus.


Das Treiben der Teufel

Jetzt haben die Mächte der Finsternis das Sagen. Nach dem Auftritt des Eheteufels, der das Zerstören von Ehen beabsichtigt, stürmt Luzifer in den Raum. Zwei kleine Luziferhåber, die ihn an der Kette festhalten, reißt er mit. Er hält eine wilde Predigt und droht den Anwesenden mit dem Dreizack. Der furchterregende Geselle ruft die draußen wartenden Kram- pusse, woraufhin eine ganze Schar finsterer, zotteliger Gestalten herein- stürmt, um die Anwesenden in die Hölle mitzunehmen. Es folgen tu- multähnliche Szenen, der eine oder andere Zuschauer bekommt die Rute zu spüren. Auch an den Zehen kann es wehtun: Der Schmied kriecht un- ter den Tischen umher und versucht, Flüchtende „anzubannen“, indem er ihnen mit einem Hammer auf die Zehen (oder knapp daneben) klopft. Als das Treiben der dunklen Mächte seinen Höhepunkt erreicht, ertönt das Horn des Nachtwächters – und der Spuk ist beendet.


Eine Frage der Ehre

Der gesamte Tross formiert sich vor dem Wirtshaus neu und macht sich auf zur nächsten Station. Das Nikolospiel wird an diesem Abend an vier weiteren Orten aufgeführt: auf einer Freiluftbühne beim Gasthof Neu- wirth, im Gasthof Zauchenwirt, auf der Terrasse des Hotels Grimming- blick und zum Abschluss auf einer Bühne im Bad Mitterndorfer Kurpark. Besonders stolz ist man hier darauf, dass das Spiel noch seinen ursprüng- lichen Charakter bewahrt hat und nicht der vielerorts üblichen touristi- schen Folklorisierung anheimgefallen ist. „Unser Nikolospiel wird nur in Mitterndorf und jedes Jahr ausschließlich am 5. Dezember von Mittern- dorfern aufgeführt. Es gibt dazu sogar einen Beschluss der Gruppenmit- glieder aus dem Jahr 1946, an den wir uns halten. Für jeden einzelnen Teilnehmer ist das Mitmachen eine Ehre. So lebt die Tradition unserer Vorfahren in uns und unseren Kindern weiter“, erklärt Spielleiter Andreas Seebacher. Sorgsam überlieferte Spieltexte, kostbare Holzmasken und prachtvolle Kostüme sowie die Spiellust der über 100 Teilnehmer – all das erwartet die Zuschauer auch dieses Jahr wieder am 5. Dezember. Pünkt- lich um 17 Uhr startet das Nikolospiel von Bad Mitterndorf vor dem Landhotel Kanzler in Krungl.

Alles Infos: www.nikolospiel.webnode.at

„Jå, beichtn, beichtn, dås war scho recht, dås Gschäft versteh i åba schlecht.“

Der Bettler

Figuren aus dem Bad Mitterndorfer Nikolospiel: der Barchtl mit einem Buckelkorb voller Süßigkeiten für die Kinder, der Bettelmann und ein Krampus, der gefürchtete Luzifer und eine Schlüsselszene – das Sterben des Bettelmanns.

Der Schmied versucht, unter dem Tisch

Flüchtende mit dem Hammer „anzubannen“.

Gehörntes Ungeheuer in der Gaststube: Der Eheteufel schildert,

wie er Ehen zerrüttet.

Die finstere Schar unterwegs zum nächsten Spielort.

Zur Vollansicht bitte antippen.

www.manner.com

Zur Vollansicht bitte antippen.

www.ritter-sport.de