Gutes aus der Region

Das Bier und

seine Gschichten

Mit mutigen Ideen hat Peter Krammer die älteste Brauerei Österreichs zu neuer Blüte gebracht. Im Gespräch erzählt er, warum Bier von Geschichten lebt.

Text: Marcus Fischer

Im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt, ist das Landbrauhaus Hofstetten heute die älteste Brauerei Österreichs.

Bockbier-Spezialität: Mit glühenden Granitsteinen wird die Würze des „Granitbocks“ karamellisiert.

E

ine schmale Straße schlängelt sich zwischen Obstbäumen hinauf zu dem stattlichen Hof im Herzen des Mühlviertels. Dicke Mauern und

wuchtige Torbögen umschließen das 1229 erstmals erwähnte Gebäude. Damals, im Hochmittelalter, war es eine Raststätte an der Salzstraße.


Bier lebt von Geschichten

Ganz und gar nicht altehrwürdig kommt uns Peter Krammer im Kapu- zenpulli entgegen und führt uns ins urige Braustüberl. „Bier verkaufen ist Geschichten erzählen“, beginnt der ausgebildete Braumeister und Ge- schäftsführer der Hofstettner Brauerei, „jedenfalls bei unseren Bieren.“ 16 bis 20 Biersorten stelle man heute her, vom Schank-Märzen bis zu echten Raritäten wie dem Granitbock, der in Granittrögen gebraut und mit glü- henden Granitsteinen karamellisiert wird. „Und die Gschichten muss ma halt erzählen, damit man ein Bild zum Bier hat, und das schmeckt man dann auch“, setzt er lächelnd hinzu.


1998 fast am Ende

Angefangen habe es allerdings mit einer Krise. Nicht gut sei es gegangen, als er die Brauerei übernommen habe. „Der Vater hat den Betrieb durch die 90er- Jahre geführt, das war eine schwere Zeit für viele kleine Braue- reien. Auch für uns.“ Die großen Bierkonzerne seien damals stark ge- wachsen, hätten andere Betriebe aufgekauft und massiv in Brautechnik investiert. Viele regionale Brauereien konnten sich die nötigen Moderni- sierungsmaßnahmen damals nicht leisten und mussten schließen. „Auch bei uns waren die Zahlen schlecht und wir haben gwusst, wir müssen was tun, sonst is aus.“ 1998 empfahl der Steuerberater dem jungen Chef, der die Brauerei gerade übernommen hatte: „Jetzt wär a günstiger Zeitpunkt, um zuzusperren.“


„… und dann hats im Kopf zu gären angefangen“

Doch Peter Krammer dachte nicht daran, den Betrieb, den sein Urur- großvater vor über 150 Jahren gekauft hatte, zu schließen. Er habe viel mit den Leuten geredet – seinen Mitarbeitern, den Nachbarn im Dorf, den Bauern, die ihn beliefern, und natürlich mit seinen Kunden.


„Der erste Schritt war, dass wir die Brauerei aufgemacht haben – weil ich ja unsere Kunden kennenlernen wollte, damit ich weiß, wer unser Bier so trinkt.“ Und so habe man Gäste und Besucher eingeladen, Führungen und Verkostungen angeboten, und vor allem: viel hingehört und geredet mit den Leuten. Und dann, so erzählt er, „hats bei mir im Kopf zu gären angefangen“. Das Ergebnis waren zwei Biere, die damals auf dem Markt völlig neue Wege gegangen sind.


Vergessene Traditionen, neue Ideen

„Früher hat keiner ein dunkles oder halbdunkles Bier trinken mögen. Weil alle gemeint haben, dunkle Biere sind süß. Wir sind aber in der Tra- dition zurückgegangen, haben in die Geschichtsbücher geschaut und sind dort fündig geworden: Das ganze Mühlviertel liegt ja auf Granit und bei der schweren körperlichen Arbeit in den Granitsteinbrüchen damals ha- ben sie ein halbdunkles, recht starkes Bier getrunken, mit 6 Prozent. Dem wollten wir nahekommen – und damit hat für uns das Ausprobieren an- gefangen“, so Peter Krammer.


Die Geburt des Granitbiers

Am Ende stand ein Bier, das man getrunken haben muss. Das weiche, vom Granit gefilterte Wasser verleiht ihm einen fein-herben Grundton, auf dem sich dann das besondere Aroma entfaltet. „Wir haben da so leich- te Schokoladenoten drin, weil wir geröstetes Malz verwenden, und einen kräftigen Hopfen, der gibt die Würze.“ Der zweite Coup gelang Peter Krammer mit einer saisonalen Spezialität: dem Kürbisbier. Neben der Gerste wurde dabei Kürbis-Fruchtfleisch mit vergoren – und der Ge- schmack hat voll eingeschlagen. Was man sich heute in Zeiten des Craft- Biers nicht mehr vorstellen kann: Ein Bier, das nicht ausschließlich auf Getreidebasis hergestellt wurde, war damals eine Sensation – und weckte entsprechendes Interesse bei den Medien.


Ein Bier als Gemeinschaftswerk

Nach den ersten Erfolgen war nicht nur die Zukunft der Brauerei gesi- chert, Peter Krammer wusste auch, dass er auf dem richtigen Weg war. Und wurde mutiger. „2010 hat mir dann mein Selbstverständnis als Brauerei in einem kleinen Ort gesagt, dass wir ein wirklich regionales Bio-Bier schaffen müssen, dessen Zutaten zu 100 % aus dem Mühlviertel stammen.“ Dabei ergab sich allerdings ein Problem. Kaum jemand baute in der Gegend noch die dafür nötige Gerste an. Erstens war der Preis im Keller und zweitens ist Braugerste in der dortigen Mittellage (500–600 Meter Höhe) ein riskantes Getreide. „Vergiss den Bledsinn, des fang ma uns nimmer an“, bekam er damals zu hören. Im ersten Jahr baute Kram- mer daher die Gerste selbst an, im zweiten konnte er schon einige Bauern dafür gewinnen. Bald fanden sich nicht nur ausreichend Anbauflächen, sondern auch ein geeigneter Lagerraum für die Gerste. „Da hat uns dann die Bio-Bäckerei Mauracher geholfen, die haben uns die Gerste geputzt und eingelagert.“ Und so entstand ein zu 100 % regionales Bio-Bier, das heute zu den meistverkauften Hofstettner-Sorten zählt.


„Marktforschung“ an der Rampe

Obwohl Liebhaber in aller Welt seine Biere schätzen, bleibt Peter Krammer ganz dem Ort verbunden. „Ein Drittel unseres Biers verkaufen wir hier di- rekt an der Rampe. Wir haben im Laufe der letzten 15 Jahre ein Stammpu- blikum gewonnen, das ist für uns enorm wichtig. Die kaufen ihre Kiste und sagen mir beim nächsten Mal ins Gsicht, was sie davon halten.“ Über man- che Sorten – z. B. das Honigbier – habe er sogar seine Kunden abstimmen lassen. „Weil ich wissen wollt, wie würzig der Mühlviertler es mag.“ Der Er- folg des Biers spricht für sich. Aber nicht nur bei der Entwicklung neuer Sorten setzt er auf den Kontakt von Mensch zu Mensch.


Die Kraft der Kaufleute

„Ich geh mit meinen wirklichen Spezialitäten nicht in den großen Handel, die haben in einem Regal mit 160 Bieren nichts verloren. Da nehm ich nur den Kleinen das Geschäft weg und mein Bier steht im Regal und ver- staubt, weil dort keiner den Kunden erklärt, was das Spezielle an dem Bier ist. Aber die Kaufleute, die Nahversorger, die reden mit ihren Stammkunden, lassen sie verkosten und erzählen die Geschichten hinter dem Bier.“ Damit sind wir wieder am Anfang des Gesprächs angekom- men: Bier verkaufen ist Geschichten erzählen. Wir nehmen noch einen Schluck Granitbier, schmecken Stein und Steinbrüche, spüren den feinen Noten nach und bedanken uns für das Gespräch.

„Der Steuerberater hat gsagt, jetzt wär a guter Zeitpunkt, um zuzusperren.“

Die Granitsteinbrüche gehören zum Mühlviertel wie das Bier: Stefan Krammer hat beides zusammengebraut zum Granitbier.

„Der Rampenverkauf ist enorm wichtig. Da sagen mir die Kunden ins Gsicht, was sie vom Bier halten.“

Sinn für Tradition: Neben modernster Brautechnologie ist auch das Sudhaus von 1929 immer noch in Gebrauch.

„Meine Spezialitäten gehören

in die kleinen Geschäfte. Weil die Kaufleute dort noch die Geschichte zum Bier erzählen.“

Der hats

Granitbock & andere Spezialitäten

Das Granitbier und andere Spezialitäten der Landbrauerei Hofstet- ten gibts u. a. bei Nah&Frisch Kaufmann Markus Berger in 4174 Niederwaldkirchen, OÖ.

Kübelbier: Bierkenner wissen, dass das frischeste Bier direkt aus dem Lagertank kommt. Weil dabei Eiweiß-, Hefe- und Hopfenaroma- stoffe nicht weggefiltert werden, ist das naturtrübe Bier besonders süffig und aromatisch. Früher hat man das Bier direkt im Kübel vom Tank abge- füllt – diese Tradition spiegelt sich im Namen des Vollbiers wider.

Granitbock: Eine echte Bockbier- Spezialität mit Geschichte. Die Hauptgärung findet in 120 Jahre alten Granitbottichen statt. Seine besonde- re Note erhält der Granitbock durch glühende Steine (sog. Granitzwe- cken). Durch Eintauchen in die Wür- ze karamellisiert der enthaltene Zu- cker an den heißen Steinen und ver- leiht dem Bier sein Aroma.