Winterbräuche

Geschichten von

Licht und Finsternis

Die Zeit zwischen Advent und Ostern ist von allerlei schillernden Figuren bevölkert. Im Gesäuse treiben Hammerschmiedteufel ihr Unwesen, in Imst

die Scheller und Roller. Und in Steyr tanzen die Stabpuppen.

Text: Ute Fuith

K

urz vor Nikolo, in diesem Jahr am 30. November, findet in

St. Gallen im Gesäuse der Hammerschmiedteufel-Lauf statt.

Albert Zwanzleitner hat sich eingehend mit der Geschichte dieses Brauchs beschäftigt: „Hier in der Gegend waren im Spätmittelalter die Hammer- herren oder Schwarzen Grafen durch die Eisenhämmer zu großem Reichtum gekommen. Wegen ihres liederlichen Lebenswandels und ihrer Ungläu- bigkeit wurden sie von Gott in die Hölle verbannt, so der Volksglaube“, erzählt Zwanzleitner. Nach 400 Jahren wurden, so die Legende, die schwarzen Grafen begnadigt und durften an ihre ehemaligen Wirkungsstätten zurückkehren.


DER LAUF DER HAMMERSCHMIEDTEUFEL

Daran knüpft der heutige Lauf der Hammerschmiedteufel an. 20 finstere Gestalten, eingespannt in Kohlkrippenwagen, bekleidet mit Lederschürzen und ausgestattet mit Schellen, Zangen und brennenden Fackeln, ziehen unter wildem Getöse auf den St. Gallener Marktplatz. Die Hammer- schmiedteufel tragen breitkrempige Hüte, aus denen Rinderhörner herausstehen.


Höllisches Treiben

Am Marktplatz besteigt der Hauptteufel, auch „Meisterschmied“ genannt, einen Thron und hält eine mitreißende Rede, die die Geschichte der Schwarzen Grafen aufgreift. Währenddessen sind die anderen Teufel am Schmieden, es gibt Beförderungen vom Heizerlehrling zum Schmied und andere Bräuche, begleitet vom höllischen Lärm der dunklen Gestalten.


Der Nikolaus zieht ein

Der Spuk findet ein Ende, sobald der heilige Nikolaus mit seinen Begleitern auf den Platz einzieht. Er steht auf einem originalgetreu nachgebauten Floß und wird von 20 Holzknechten und Flößern gezogen. Mit dabei sind noch vier Begleiter im weißen Pelz, die für die Verteilung der mit viel Liebe gestalteten Päckchen zuständg sind. Zum Schluss hält der heilige Nikolaus als Schutzpatron der Holzknechte und Flößer eine berührende Ansprache, wunderschöne traditionelle Bläserweisen umrahmen das Schauspiel.


IMSTER SCHEMENLAUFEN

Das Imster Schemenlaufen findet nur alle vier Jahre statt. 2020 ist es wieder soweit. Einen Tag lang versetzt der Fasnachtbrauch das Tiroler Städtchen dann wieder in einen Ausnahmezustand. Die Hauptfiguren des prächtigen Umzugs sind der Scheller mit großem Schnurrbart, prächtigem Kopf- schmuck und riesigen Kuhschellen und sein zierlicheres Gegenstück, der Roller, dessen Bauchgurt mit knapp 50 Glöckchen, den „Rollen“, besetzt ist.


Spiegel gegen die Winterdämonen

Einer der Scheller ist Nikolaus Larcher. „Beim Schemenlaufen werden die verschiedenen Rollen oft von Generation zu Generation weitergegeben. Demnach hätte ich eigentlich ein Roller werden sollen, aber weil ich sehr groß bin und der Roller eher eine zartere, jugendliche Figur ist, bin ich eben ein Scheller geworden“, erzählt Larcher. Während der Scheller männliche Kraft repräsentiert, mutet der zierliche Roller eher weiblich an. „Im 19. Jahrhundert hat man die Figur auch noch als Rollerin bezeichnet“, erklärt Larcher. In den Larven – so werden die Masken von Roller und Scheller bezeichnet – sind kleine Spiegel eingearbeitet. Nach der Überlie- ferung sollen sie die Dämonen des Winters vertreiben, die vor ihrem eigenen Spiegelbild fliehen.


Aufmarsch der Hexen, Scheller und Bärentreiber

Beim Festtagsumzug führen Scheller und Roller im „Kroas“ ein elegantes Tänzchen, das „Gangle“, auf. Diesen Tanzkreis umgeben vielerlei Ord- nungsmasken, wie die Sackner mit ihren ballonartigen Stoffsäcken und die Wifligsackner mit schweren Faltenröcken. Sie sorgen dafür, dass die Zuschauer am Rande der Straße bleiben. Die Spritzer schaffen mit einem kalten Guss aus ihrer metallenen Wasserspritze Platz für die Parade. Die Kübelemaje in Sennerinnentracht bestäubt das Publikum mit Puder aus ihrem Kübelchen, die Hexen wiederum tanzen zu den schauerlichen Klängen der Hexenmusik. Auch Bären durchschreiten unter marker- schütterndem Gebrüll ihrer Bärentreiber die Stadt.


Wildes Treiben bis in den Abend

Der Festzug beginnt am Vormittag und führt von der Unter- in die Oberstadt von Imst und wieder zurück. An bestimmten Stellen des Ortes macht er halt, um Bekannte aus dem Publikum gegen einen Obolus einzu- führen. Im Anschluss an den Maskenzug folgen prächtige Fasnachtswagen, auf denen Themen aus der Imster Geschichte und Sagenwelt dargestellt sind. Vor dem Betläuten um 18 Uhr werden die Masken abgenommen und nicht wieder aufgesetzt.


STEYRER KRIPPERL

Das „Steyrer Kripperl“ ist eines der letzten Stabpuppentheater im deutschen Sprachraum und wird bereits seit über hundert Jahren im Innerberger Stadl von etwa 20 Spielern des Vereins Heimatpflege Steyr aufgeführt. Mündlich überlieferte Texte und originelle Stabpuppen, die mit der Hand gespielt werden, sind Teil der Praxis. „Kripperl hat dabei aber nichts mit einer Weihnachtskrippe zu tun, sondern bedeutet einfach Bühne oder Theater“, erklärt Wolfgang Hack, Obmann des Vereins Heimatpflege Steyr. Das Steinbacher Kripperl des Schneidermeisters Ignaz Sageder gelangte über dessen Erben in das Gasthaus „Zur Goldenen Sense“ im Steyrdorf, wo es bis 1899 bespielt wurde. 1923 übersiedelte es an seinen heutigen Standort.


Älteste Spielerin ist 83

Gespielt werden Szenen aus dem Alltag in der Stadt, gesprochen wird in Mundart, die sich in dieser Form z. T. nur im Steyrer Kripperl erhalten hat. Die Erstellung eines Wörterbuches, an dem derzeit gearbeitet wird, soll dem Verlust der mundartlichen Ausdrücke entgegenwirken. Die älteste Spielerin derzeit ist 83 Jahre, der jüngste Spieler 13 Jahre alt. Um das „Steyrer Kripperl“ auch weiterhin am Leben zu halten, wird laufend an neuen Vorstellungen gearbeitet, die zeitgemäße Themen behandeln. Hauptspielzeit der Stabpuppen ist Weihnachten. Es gibt aber auch Sonderaufführungen während des übrigen Jahres.

Fotos: Christian Fuernholzer/www.fuernholzer-photography.com, Imst Tourismus/Franz Oss, TVB Steyr/Ralf Hochhauser, Verein Heimatpflege Steyr, 123rf

„Der Lauf geht auf die Schwarzen Grafen des Mittelalters zurück.“

„Das ‚Steyrer Kripperl‘ bezeichnet keine Weihnachtskrippe, sondern bedeutet einfach Bühne oder Theater.“

ADRESSEN


Hammerschmiedteufel im Gesäuse

Tourismusverband Gesäuse (Stmk.)

Tel.: +43 (0) 3613 21160 10

info@gesaeuse.at, www.gesaeuse.at


Imster Schemenlaufen

Imst Tourismus (T)

Tel.: +43 (0) 5412 6910 19

www.imst.at, www.fasnacht.at


Stabpuppenspiel Steyr

Heimatpflege Steyr (OÖ)

Tel.: +43 (0) 676 9165 165

office@steyr-touristik.at,

www.steyr-touristik.at

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www.thea.at