Unterwegs in der Region

Gschichtn aus der

Buckligen Welt

Drei Kaufleute und ein Fahrrad-Guide entführen uns per E-Bike in die Welt der Wehrkirchen im Land der 1.000 Hügel.

Text: Marcus Fischer Fotos: Sebastian Freiler

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ie 1.000 Hügel der Buckligen Welt im südöstlichen Niederösterreich lassen sich an diesem Morgen noch nicht blicken. Als wir unseren Treffpunkt,

das auf knapp 800 Meter gelegene Hochneukirchen, erreichen, liegen Ort und Landschaft unter einem dicken Nebelpelz. Der Stimmung im Geschäft von Kauffrau Andrea Kreimer tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil. „Wennst ein Foto von mir machst, dann nur mitm Radlhelm auf. Sonst schau ich aus wie a gebadete Maus“, witzelt Andrea mit unserem Fotografen. „Habts eh Sauerstoff für die Bergetappe dabei?“, fragt ein Kunde lachend.


Imposante E-Bikes

Kaufmann Martin Freiler aus Edlitz hat unsere heutige Tour organisiert – nicht nur hinsichtlich der Route, sondern auch was die fahrbaren Untersätze angeht. Wir staunen nicht schlecht, als wir die E-Bikes vor dem Geschäft in Empfang nehmen: nagelneue E-Mountain- bikes stehen da vor uns, mit schwarzem Rahmen und Reifen so dick wie Maßkrüge – eine Leihgabe des Mobilitätscenters Luckerbauer in Krumbach. Der Einzige mit „Bio-Rad“ ist Florian Kerschbaumer von der LEADER-Region Bucklige Welt, der unser Rad-Guide an diesem Tag sein wird. Er schwingt sich auf sein Rennrad und mit einem freudigen „Gemmas an!“ setzt sich der Tross in Bewegung. Die erste Station unserer Tour: die Wehrkirche von Hochneukirchen.


Unsere Zeitreise beginnt …

Die Geschichte der Wehrkirchen beginnt in einer rund 1.500 Kilometer ent- fernten Stadt in Kleinasien: Konstantinopel. Im Jahr 1453 wurde die Haupt- stadt des oströmischen Reiches von den Osmanen eingenommen. Damit setzte auch für die Bewohner der Buckligen Welt eine unruhige, gefahrenvolle Epoche ein, die durch Einfälle bewaffneter Truppen aus dem Südosten geprägt war. Um sich vor den Angreifern zu schützen, begann man deshalb um 1500 die hiesigen Kirchen zu Wehranlagen umzubauen. Über dem Kirchenschiff wurde ein Wehrobergeschoß errichtet, das mit seinen Schießscharten, Spählöchern und Pechnasen burgähnliche Züge aufwies. Seit 1995 wird das Zwischengeschoß der Wehrkirche Hochneukirchen übrigens für gänzlich friedliche Zwecke genutzt: In dem eindrucksvollen Raum mit einer ganz speziellen Akustik finden regel- mäßig Konzerte und Lesungen statt.


Jetzt gehts bergab

Nach einem Zwischenstopp bei der „Kulturtankstelle“ gegenüber der Kirche, die außer lokalem Handwerk auch regionales Bier, Mehlspeisen und an- dere Schmankerln aus dem Ort bietet, gehts steil bergab in Richtung Bad Schönau. Mittlerweile hat sich der Nebel gelichtet und die Sonne lässt das bunte Laub der Bäume in prachtvollen Farben erstrahlen. Die Straße ist schmal und kaum befahren, in den Kurven liegt nasses Laub, wir fahren vorsichtig. Ganz trauen wir den kraftvollen E-Bike-Motoren noch nicht, auch mit dem Verhalten der Bremsen sind wir noch nicht vertraut und radeln daher gemütlich am Ende der Gruppe. Schon von Weitem können wir den Turm der schmalen Wehrkirche von Bad Schönau sehen – und tauchen wenig später abermals in ein spannendes Kapitel unserer Ge- schichte ein.


Die Kuruzzen in der Buckligen Welt

Im Jahr 1708 fielen an die 8.000 Kuruzzen in Bad Schönau ein. Dabei handelte es sich um Aufständische, großteils entlassene Soldaten unter der Führung ungarischer Kleinadeliger, die gegen die Habsburger kämpften und sich durch Überfälle finanzierten. Der gesamte Ort fand Zuflucht in der Kirche, auch das Vieh und die Getreidevorräte wurden hier unterge- bracht. Von den Angriffen zeugt heute noch die schwere Tür der Sakristei, die zahlreiche Spuren von tiefen Axthieben aufweist. Mehrere Tage lang wurde erbittert gekämpft – bis das Kuruzzenheer weiterzog. Der Grund: Die Truppen hatten im Unterschied zu regulären Heeren keinen Nach- schub, d. h. der Überfall musste binnen eines oder zweier Tage erfolgreich sein, sonst ging der Proviant aus. Noch heute erinnert eine Tafel an der Kirche an die „29 Bad Schönauer und einen Bettler“, die bei der Abwehr der Angreifer gefallen waren.


400 Höhenmeter? Kein Problem!

Nach so viel Hirnnahrung müssen wir uns erst einmal stärken. In ihrem Geschäft in Bad Schönau gibt uns Kauffrau Barbara Edelhofer eine Kost- probe ihres Könnens in Sachen belegte Brötchen. Danach wirds ernst: Die Bergetappe steht bevor. Von Bad Schönau auf 490 m Seehöhe müssen wir hinauf nach Lichtenegg auf 859 m. Wir besteigen unsere Räder, schalten den Turbogang ein und auf gehts. Der Einzige, der wirklich ins Schwitzen kommt, ist Florian auf seinem Rennrad. Er nimmts aber sportlich. Wir anderen zischen den Berg hinauf und staunen über die Kraft des Elektro- motors. „Passts auf den Akku auf“, rät uns Florian. Wir schalten vor- sichtshalber vom Turbo- in den Touren-Modus, der Unterschied ist spür- bar, aber selbst auf steilen Streckenabschnitten hält sich die Anstrengung in Grenzen.


Beim Vater der Wehrkirchenstraße

Als wir die Kirche von Lichtenegg erreichen, erwartet uns mit Roman Lechner jener Mann, der die Wehrkirchenstraße ins Leben gerufen hat. Auf einer Strecke von 100 Kilometern verbindet sie insgesamt 18 Kirchen, die man auch auf einem virtuellen Rundgang besuchen kann (www.wehr- kirchenstrasse.at). Jedes dieser Bauwerke hat seine eigene Geschichte zu erzählen – so auch die wuchtige Kirche in Lichtenegg, die zu den wenigen vollständig erhaltenen Wehrkirchen zählt. Gleich zu Beginn räumt unser Führer mit einer romantisierenden Sichtweise auf: Die angebliche Pechnase über den Eingängen sei eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Es sei viel zu gefährlich und aufwendig gewesen, kochendes Pech herzustellen und auf die Angreifer zu schütten. Ihren Zweck erfüllten die Öffnungen über dem Eingang trotzdem – in der Regel wurden die Angreifer mit Steinladungen am Eindringen gehindert. Auch hier hielt das Bauwerk osmanische und ungarische Angreifer fern, neben dem mächtigen Turmobergeschoß befindet sich in der Kirche auch ein geheimes Zwischengeschoß als Versteck. „Dass wir die Wehrkirchen heute noch bewundern können“, erläutert Roman Lechner, „ist der Armut der hiesigen Bevölkerung geschuldet.“ Anderswo wurden die Anlagen im Barock umgebaut – hier fehlte dafür schlicht das Geld.


Paradies der Blicke

Wir bedanken uns für die kundige Führung, besteigen unsere Räder und erreichen den landschaftlich schönsten Abschnitt unserer Tour. Entlang der Panoramastraße zwischen Lichtenegg und Edlitz genießen wir den Ausblick über das weite Land – rechterhand liegen Schneeberg, Rax und Wechsel, links von uns verschwinden die sprichwörtlichen 1000 Hügel der Buckligen Welt allmählich im Dunst. Vom Schneeberg weht ein scharfer Wind herüber, wir müssen uns auf den Weg machen. Wieder geht es bergab, mittlerweile haben wir ein Gespür für Motorkraft und Bremswirkung unserer E-Bikes, die Fahrt durch die bunten Wälder, deren Blätter wie Schneeflocken über die Straße wehen, ist ein einziger Genuss.


Jausenstopp und Fahrradlatein

Im Nu erreichen wir Edlitz, wo uns Kaufmann Martin Freiler in seinem Geschäft bei Striezel, Kuchen, Mehlspeisen aus’m Dorf und Kaffee emp- fängt. Die Wärme in der Kaffee-Ecke tut gut, einige von uns sind durch den Wind ziemlich durchgefroren. Wir vergleichen Höchstgeschwindig- keiten, manche sind mit über 50 km/h heruntergebraust (ein bisschen Fahrradlatein ist sicher auch dabei), und genießen die Stärkung. Viel Zeit haben wir allerdings nicht, denn allmählich beginnt es, draußen zu däm- mern, und unsere E-Mountainbikes haben kein Licht.


Wenn der Akku nachlässt …

Wir starten in die Schlussetappe – und prompt sollte Florians Prophezeiung wahr werden. Einer unserer Teilnehmer hatte zu großzügig den Turbo- Modus seines E-Bikes beansprucht. Wo die meisten von uns noch über die Hälfte ihrer Akkukapazität übrig haben, neigt sich der Ladestand bei ihm schon dem Ende zu. Einen Kilometer später ist es dann so weit. Zum Glück sind es nur noch wenige Hundert Meter bis zur nächsten Hügelkuppe – und ab dann gehts bergab. Letzten Endes doch erschöpft von der rund 55 km langen Strecke geben wir in Krumbach die Räder zurück. Glücklich über die Reise durch fünf Jahrhunderte Regionalgeschichte – und die zau- berhafte Landschaft der Buckligen Welt. Wir bedanken uns bei Kaufmann Martin Freiler und bei unserem Rad-Guide Florian Kerschbaumer für die tolle Führung durch das Auf und Ab im Land der 1.000 Hügel.

Die Wehrkirche von Bad Schönau hielt 1708 dem Ansturm von 8.000 Kuruzzen stand.

Die Tür zur Sakristei der Wehrkirche Bad Schönau mit den Axthieben der Kuruzzen.

Unser Fahrrad-Guide Florian Kerschbaumer auf seinem „Bio-Rad“.

Die wuchtige Wehrkirche von Lichtenegg zählt zu den am besten erhaltenen Anlagen.

Roman Lechner führt durch die Wehrmauern rund um die Kirche.

Paradies der Blicke: Vorbei an Marterln und Kuhweiden eröffnet der Weg immer wie- der malerische Aussichten ins weite Land mit den Gipfeln der Voralpen am Horizont.

RADLN FÜRS KLIMA

40 % aller Autofahrten sind kürzer als 5 km. Wenn man diese Strecken z. B. mit dem Rad fahren würde, könnte man 5 Milliarden Pkw-km sparen!*

INFOS & KONTAKT


Die Region

www.buckligewelt-wechselland.at


Wehrkirchenstraße interaktiv

www.wehrkirchenstrasse.at


E-Bike-Verleih

u. a. beim Mobilitätscenter Luckerbauer in Krumbach, www.1mc.at

Foto Wehrkirche Lichtenegg: Strobl/www.audivision.at

Nah&Frisch Kaufleute Barbara Edelhofer, Martin Freiler und Andrea Kreimer

Zur Vollansicht bitte antippen.

www.milka.at

Fahrt ihr auch privat Rad?

Barbara: Und wie! Aber nur mitm E-Bike, bei uns gehts rauf und runter, das schafft man sonst nicht.

Martin: Mir fehlt einfach die Zeit, obwohls eine Gaudi is mitm E-Bike.

Andrea: Privat sind wir oft mit unseren E-Bikes unterwegs. So eine Radtour ist ideal, um den Kopf freizubekommen und um die wunder- schöne Bucklige Welt zu erkunden.


Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in eurem Geschäft?

Barbara: Eine ganz große. Das Allerwichtigste ist uns, dass Lebens- mittel nicht im Müll landen. Wenn Produkte abgelaufen sind, holt sie bei uns eine Bäuerin ab, die hat Schweine und Hendln, die kriegen das Obst und das Gemüse. Der Schwiegersohn einer Angestellten hat Damwild, Enten, Hendln und einen Fischteich. Der holt sich das alte Brot und Gebäck für seine Tiere. Und wenn immer noch was übrig ist, ruf ich die Caritas in Kirchschlag an, die sammeln für die Wiener Tafel. Bei uns wird nichts weggeschmissen, was noch gut ist. Außer- dem versuch ich, so viel wie möglich aus Österreich zu bestellen, das kommt bei meinen Kunden sehr gut an. Sogar bei den Weanern, die bei uns zur Kur sind (lacht).

Martin: Nachhaltigkeit steht bei uns an erster Stelle – das fängt bei den Stoffsackerln bzw. -rucksäcken für den Einkauf und speziell für Brot und Gebäck an und geht bis zum Elektro-Firmenauto. Dafür hab ich extra eine Ladestation vor dem Geschäft eingerichtet. Das Schöne daran: Das Fahren macht Spaß und zugleich tut man was Gutes für die Umwelt und fürs Klima.

Andrea: Wenn ich an die Zukunft denke und an meine Enkel, spielt das Thema eine große Rolle. Durch die Vermeidung von Plastik – unser frisches Brot wird zum Beispiel liebevoll in Papierbögen verpackt – tragen wir alle dazu bei, denn wir wollen unseren Planeten so „gesund“ wie nur möglich an unsere Kinder und Enkel weitergeben.


Stichwort Produkte aus’m Dorf: Welche Erfahrungen habt ihr damit?

Martin: Sehr gute, das sind hochwertige Lebensmittel, die unsere Kunden sehr schätzen, wie z. B. die Bio-Frischmilch vom Biohof Freiler in Krumbach oder die Eier vom Eierhof Schwarz. Unser Brot und

Gebäck beziehen wir von drei Bäckereien: der Bäckerei Fischböck in Scheiblingkirchen, der Zuckerbäckerin Beiglböck in Hochneukirchen und der Bäckerei Bernhard in Bromberg. Deren Toastbrot hab ich auch in meinen 24-h-Märkten, den Selbstbedienungsautomaten: Da können meine Kunden auch nachts und am Wochenende einkaufen.

Barbara: Mein Fleisch kommt vom Fleischhacker Josef Kager im

Ort, das ist zu 100 % aus Österreich. Meine Fruchtsäfte kommen vom Winkler aus Kirchschlag und von Sabine Ungerböck aus Bad Schönau, von ihr beziehe ich auch den Most. Gut gehen die Bio-Dinkelprodukte (Mehl, Grieß, Nudeln) vom Biohof Pöll in Bad Schönau. Und natürlich haben wir auch die neuen Hakuma Eistees aus Bad Schönau.

Andrea: Wir führen auch eine ganze Menge von Produkten aus unserer Gemeinde Hochneukirchen-Gschaidt: von den Erdäpfeln bis zum Honig und den Eiern. Ich möchte zum Abschluss noch all meinen Kunden, die mir in der schwierigen Corona-Krise ihr Verständnis entgegenge- bracht haben und mir treu geblieben sind, aufs Herzlichste danken!

Engagiert für Nachhaltigkeit: Kaufleute Martin Freiler, Barbara Edelhofer und Andrea Kreimer.

Nah&Frisch Edelhofer

Kurhausstraße 8, 2853 Bad Schönau, NÖ

www.nahundfrisch.at/de/kaufmann/edelhofer


Nah&Frisch Freiler

Markt 20, 2842 Edlitz, NÖ

www.nahundfrisch.at/de/kaufmann/freiler-edlitz


Nah&Frisch Kreimer

Hauptstraße, 2852 Hochneukirchen, NÖ

www.nahundfrisch.at/de/kaufmann/kreimer-andrea