Von Mensch zu Mensch

Worums

im Leben geht

Wilfried König erzählt, wie er nach langer Suche in Asien seine Bestimmung und im Mostviertel sein Zuhause gefunden hat.

Text: Marko Locatin Fotos: Sebastian Freiler

M

ostviertel, Nußdorf ob der Traisen, Bäckergasse. Ein Wohnwagen, ein üppiger Garten, rechts der Eingang zum Wohnhaus. Wilfried

König kommt uns mit offenen Armen aus dem Atelier entgegen. „Kommts rein – bei uns ist die Tür immer offen.“


Der erste „Knacks“

„Ich hab so vieles gemacht“, beginnt der heute 56-Jährige die abenteuerli- che Geschichte seines Lebens. Geboren wurde Wilfried in Sankt Veit an der Glan, die Mutter trug Zeitungen aus und ging putzen, der Vater war Eisenbahner. Kunst spielte in der Familie keine Rolle, man hatte andere Sorgen. Doch der Bub war immer schon ein wenig anders: Neugierig und kreativ lernte er schon vor dem Kindergartenalter lesen und zeichnete viel. Profifußballer, Wissenschaftler oder Maler wollte er werden – da- mals. Der erste Knackpunkt kam, wie er sagt, früh: In der 2. Klasse Volks- schule wurde dem Linkshänder – wie damals noch üblich – die Hand an- gebunden. Er wurde gezwungen, auf rechts umzulernen. Für den fantasie- begabten Wilfried, der sich in der Schule immer unterfordert fühlte, be- gann damit ein langer Weg des Aufbegehrens und der Verweigerung.


… und die Pubertät war lang

„Mir sagt kein Mensch, was ich tun muss. Das Gymnasium hab ich gleich verweigert und ging lieber in die Hauptschule. Aber mit der Pubertät ka- men dann wirklich die Schwierigkeiten, und die Pubertät war lang“, er- zählt Wilfried lächelnd. Trotzdem hat er die Schule abgeschlossen, eine Lehre als Autospengler gemacht und war beim Bundesheer, wo er aller- dings „nur eingesperrt war“, weil er das Salutieren verweigerte. Nach Ge- legenheitsarbeiten als Dachdecker, Zimmermann und am Bau fand er wie sein Vater eine Anstellung bei der Bahn. „Nach drei Jahren hat mir das gereicht. Diese Welt, in der jeder nur fremdbestimmt ist und funktionie- ren soll, hat mich fertig- und krank gemacht.“ Wilfried musste weg.


Einfacher Flug nach Indien

„Ein paar Jahre Indien, dachte ich mir, und alles kommt von allein. Es war sicher die Suche nach mir, nach dem Warum, Wieso und Wofür.“ In Indien, im Wald, hat Wilfried nicht nur seine innere Ruhe der frühen Kindheit wiedergefunden, sondern auch seine Bestimmung: die Malerei. Nach einem kurzen Intermezzo bei einem Guru („Meditation und spiri- tuelle Gespräche“) reiste der Kärntner in den Norden Indiens nach Kaschmir weiter. „Ich hab dort mit den Kaschmiris gelebt“, erzählt er. „Da hatte ich eine neue Familie und plötzlich elf Geschwister. Damals hab ich Gedichte geschrieben, hatte aber nie Geld.“


Die Bestimmung …

Also fragte Wilfried eines Tages seinen indischen „Vater“, wie er Geld ver- dienen könne. „Der wusste keinen Rat und fragte: Was kannst du denn? Dann hab ich gesagt: Ich bin Künstler, Maler. Mein ,Vater‘ ist aufgeregt weggerannt und hat Freunde informiert, die aus der Hauptstadt Ölfarben und Staffelei organisiert haben. Ich hatte noch nie mit Ölfarben gearbei- tet. Dann haben sich alle im Halbkreis vor mir aufgestellt und ich sollte sie alle malen. Das waren 70 Leute. Das war schon eine komische Situati- on. Ich hab dann nur ein Mädchen ausgesucht und gezeichnet. Als ich fertig war, haben sie zu klatschen angefangen, sie haben das Mädchen er- kannt. Da hab ich gewusst: Das wird mein zukünftiges Leben.“ Nach wei- teren Reisen durch Indien, Asien und Südamerika kam der Suchende nach Österreich zurück. „Ich hab dort gefunden, was ich machen will, aber gemerkt, dass mein Platz hier ist.“


… und wie man sie findet

„Ich weiß nicht, ob es Gott oder etwas Ähnliches gibt. Ich glaube aber an Bestimmung“, meint Wilfried. „Dorthin muss man sich aber führen las- sen. Man muss Zeichen erkennen, Gelegenheiten beim Schopf packen.“ Das nächste Zeichen trat in Gestalt von Lisbeth Löffler in Wilfrieds Le- ben. In einem Malworkshop lernte der Heimkehrer sie kennen. Lisbeth, geschieden, drei Kinder, hat Wilfried angesprochen. Sie wollte Weihnach- ten nicht alleine feiern, seither sind die beiden ein Paar. „18 Jahre sind wir zusammen, seit 12 Jahren verheiratet“, ergänzt Lisbeth, die sich zu uns gesellt hat. Die beiden fanden schließlich ihr Haus in Nußdorf. „Wir ha- ben alles selber hergerichtet. Isoliert, verputzt, die Holzdecke eingezogen“, erzählt Lisbeth, die beim Nah&Frisch „Unser Dorfgschäft in Nußdorf ob der Traisen“ aktiv im Vorstand mitarbeitet. Sie organisiert dort u. a. sozia- le Projekte, hat eine Strickrunde gegründet und das Kommunikationseck wiederbelebt, in dem sich die Nußdorfer montags zum Schnapsen treffen.


99 Nußdorfer erzählen

2016 riefen Wilfried und Lisbeth ein einzigartiges Projekt ins Leben: „Ge- sichter und Geschichten aus Nußdorf.“ Die Idee: Während Wilfried die Nußdorfer porträtiert, erzählen sie ihm, was sie mit dem Ort verbindet. Gemeinde und Kulturfonds haben das sozial-künstlerische Projekt unter- stützt, die Teilnehmer waren begeistert. Sie erzählten im Atelier, was sie an Nußdorf lieben und sich für ihren Ort wünschen. Die Antworten reichten von einem 94-Jährigen, der gern einen Radweg nach Traismauer hätte, bis zu einem gehbehinderten Herrn, der allen Nußdorfern Gesund- heit wünschte. „Dass die Menschen hier so uneigennützig sind, hat mich sehr berührt“, so Wilfried. Die Aktion hat drei Monate gedauert und wur- de auf insgesamt 400 Stunden Film aufgenommen. Bei der abschließen- den Vernissage erhielten die 99 Teilnehmer ihre Porträts als Geschenk. Den endgültigen Film muss Wilfried noch schneiden, ein Trailer steht auf www.art-koenig.com.


Der Sinn des Lebens?

Wenn man die abenteuerliche Lebensgeschichte noch einmal Revue pas- sieren lässt, wirkt alles letztlich wie eine glückliche Fügung. „Worum gehts jetzt eigentlich im Leben?“, stellen wir zum Schluss die Frage aller Fragen „Das Leben entdecken, nicht vegetieren, sondern wirklich existieren. Mut zur eigenen Wahrheit. Finden, was dich sucht“, sagt Wilfried und lächelt. Ein schönes Schlusswort.

Eine Kunst für sich: Wilfried König stellt seine Ölfarben selbst her.

Zwei Nußdorfer (oben) und das ältere Werk „Ballerina“, das Wilfried am Dachboden verstaut hat.

Geben sich gegenseitig Kraft und Inspiration: Wilfried König und Lisbeth Löffler, die im Nah&Frisch Geschäft in Nußdorf aktiv ist. Die nächsten gemeinsamen Projekte – „Nußdorf im Bild“ und „anders Welt“ – sind bereits in Planung.