Mitten im Ort

Im Schatten

der Normalzeit

In Weitental im Waldviertel (NÖ) gehen die Uhren anders. Dort wird die Zeit nach dem Lauf der Sonne gemessen. Schlossermeister Johann Jindra sorgt dafür, dass jeder die passende Uhr dafür hat.

Text: Ute Fuith Fotos: Sebastian Freiler

V

ersteckt zwischen den Hügeln des südlichen Waldviertels liegt das idyllische Weitental. Wer hier die 1200-Seelen-Gemeinde Weiten be-

sucht, dem fällt als Erstes auf, dass an fast jedem Haus eine Sonnenuhr prangt. Verantwortlich dafür ist Johann Jindra (V.), der als einer der letzten Schlossermeister die Kunst der Sonnenuhr-Herstellung beherrscht. Gelernt hat der Waldviertler das Handwerk von seinem Vater, Johann Jindra (IV.), der seine erste Sonnenuhr vor mehr als 40 Jahren konstruiert hat.


Wie alles begann …

Eine kahle Wand an der damals neu errichteten Maschinenhalle gab den Anstoß: „Meine Frau hat sich dafür eine Sonnenuhr gewünscht“, erinnert sich Johann Jindra (IV.). Und so begann der gelernte Schlosser sich intensiv mit der Thematik auseinanderzusetzen: „Ich hab mir Bücher besorgt, diese eingehend studiert und viel probiert.“ Denn um eine Sonnenuhr präzise herstellen zu können, braucht es eine exakte Berechnungsformel. Dafür wiederum sind genaue Kenntnisse der Mathematik, insbesondere der Trigonometrie vonnöten.


Acht Jahre Entwicklungsarbeit

Bis Jindra Senior Theorie und Praxis seiner ersten Sonnenuhr zu einem harmonischen Ganzen verbinden konnte, sollten acht Jahre vergehen. Aber die Mühe hat sich gelohnt: Mit zartem Weinlaub verziert, schmückt die erste Uhr heute noch die ehemals karge Hauswand und zeigt seit damals zuverlässig die richtige Uhrzeit an. „Bei unseren Uhren geben wir lebenslange Garantie auf die Batterie“, schmunzelt Johann (V.). „Die Sonne ist einfach die beste Partnerin, die es gibt“, ergänzt Johann (IV.), „abgesehen von der eigenen Frau natürlich.“


Eine Uhr für alle Fälle

Jede Sonnenuhr aus dem Hause Jindra ist ein Unikat. Abgesehen von den unterschiedlichen Farben, Formen und Materialien ist für jede einzelne Uhr die genaue Lage des Hauses, gemessen an Längen und Breitengraden, erforderlich. Es muss nicht unbedingt eine Südwand sein, Sonnenuhren können auch nach Osten, Westen und sogar nach Norden konstruiert werden. Sonnenuhren sind nicht nur Zeitanzeiger, sondern können, je nach Berechnung, Sonnenwende, Tag- und Nachtgleiche, Markierung für bestimmte Tage im Jahr, Jahreszeiten und vieles mehr anzeigen.


Formel als Familiengeheimnis

Die Formel, die Johann Jindra (IV.) für seine erste Sonnenuhr fand, wird bis heute als Familiengeheimnis gehütet. Das Schlosserhandwerk wird in der Familie Jindra seit 1858 weitergegeben. Die römischen Ziffern bei den Vornamen der Jindras sind nicht zufällig gewählt. Mit ihnen wird bei Sonnenuhren die „wahre Ortszeit“ bzw. „Normalzeit“ angezeigt, also jene Zeitmessung, die sich am Stand der Sonne orientiert. „Die Sommerzeit ist ja nur ein Politikum“, meint Johann (V.). 2005 hat er den Betrieb vom Vater übernommen. Neben seiner Frau Brigitte beschäftigt er zwei Mitarbeiter. Für die Nachfolge ist schon gesorgt. Johann (VI.) macht gerade seine Ausbildung zum Schlosser.


Zeit in der Glaskugel

Im Garten der Familie Jindra befinden sich rund 40 verschiedene Sonnenuhren, darunter noch eine spektakuläre Erfindung von Johann (IV.), eine Uhr, bei der das Sonnenlicht durch eine blaue Glaskugel fällt und so die Zeit anzeigt oder eine Sonnenstanduhr, auf der die Normalzeit von Reykjavík, Moskau, Bombay und anderen Weltstädten abzulesen ist. Weil das Interesse an Sonnenuhren immer stärker gewachsen ist, hat die Familie Jindra vor einigen Jahren ein Sonnenuhrenmuseum eröffnet. Dort erfährt man u. a., wie lange der Mensch diese Art der Zeitmessung bereits kennt: Der Steinkreis von Stonehenge (1500 v. Chr.), die ägyptische Reisesonnenuhr des Pharao Thutmosis III., die Hohlkugelsonnenuhr des chaldäischen Astronomen Berosos (3. Jh. v. Chr.) oder die größte Sonnenuhr der Antike mit einer Länge von 400 m zeugen davon.


Älteste Sonnenuhr Österreichs

Die vermutlich älteste Sonnenuhr Österreichs befindet sich auf der Süd- seite der Pfarrkirche Schöngrabern im südlichen Weinviertel und stammt aus dem 13. Jahrhundert. Die wahrscheinlich älteste Polos-Sonnenuhr Mitteleuropas (als „Polos“ bezeichnet man einen stabförmigen Schatten- werfer, der parallel zur Erdachse steht), errichtet von Georg von Peuerbach (1451), ist am Südpfeiler des Wiener Stephansdomes angebracht. Aber auch Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei oder Albrecht Dürer beschäf- tigten sich mit dieser Materie. Im 17. Jahrhundert erreichte die Kunst des Sonnenuhrenbaus ihre Hochblüte. Mit der Erfindung der Räderuhr ging das Interesse wieder zurück. Allerdings war noch bis Mitte des 19. Jahr- hunderts zur Kontrolle von Kirchenuhren eine Sonnenuhr erforderlich.


Lieferungen bis nach Kapstadt

Jindras Sonnenuhren sind inzwischen auf der ganzen Welt beliebt und seine himmlischen Zeitanzeiger findet man von Kapstadt bis Zermatt. Auf Letztere ist Johann Jindra (V.) besonders stolz. Die Uhr ziert eine Berghütte in den Schweizer Alpen. Sie wurde zum Andenken an einen verunglückten Bergretter angebracht. „Ich habe großen Respekt vor Menschen, die ihr Leben riskieren, um andere zu retten“, sagt Jindra. Er selbst engagiert sich deshalb bei der Freiwilligen Feuerwehr in Weiten, deren Kommandant er ist, und zusätzlich als Katastrophenhilfsdienst- Kommandant. Neben all diesen Verpflichtungen findet er aber noch genügend Zeit für seine dritte, große Leidenschaft, den Skirennsport. Superstar Marcel Hirscher kennt er persönlich. Ob die Bestzeiten des Skirennläufers auch mit einer Sonnenuhr gemessen werden könnten? Wenn, dann sicher nur mit einer aus Jindras Werkstatt.

Komplexe trigonometrische Berechnungen auf der Basis der Längen- und Breiten- grade des Standorts sind nötig, damit eine Sonnenuhr präzise die Zeit anzeigt.

„Bei unseren

Uhren geben wir lebenslange

Garantie auf die Batterie.“

Die Berechnungsformel der Jindra Sonnenuhren ist Geheimnis des Hauses.





„Lange dienten Sonnenuhren zur Kontrolle der

Räderuhren.“

Johann Jindra (V bei der Arbeit: Die „wahre Ortszeit“ wird bei Sonnenuhren – ebenso wie die Generationenfolge der Familie Jindra – mit römischen Ziffern angezeigt.

Brigitte, Johann (IV.) und Johann (V.) Jindra: Das Schlosserhandwerk wird in der Familie Jindra seit mehr als 150 Jahren weitergegeben.

DIE SCHÖNEN STUNDEN

„Ich hab einen Sonnenuhranhänger vom Johann Jindra, den ich oft trage. Denn man sagt ja: Mach es wie die Sonnenuhr und zähl die schönsten Stunden nur.“

Eva Habegger, Nah&Frisch Kauffrau in 3653 Weiten, NÖ