Unterwegs in der Region

Die Spur

der Freiheit

Nah&Frisch Kauffrau Renate Hofer erkundet auf Langlaufskiern die Stille des winterlichen Waldviertels.

Text: Marko Locatin Fotos: Erwin Pils

D

ie klare Wintersonne steht hoch am hellblauen Himmel über der be- schaulichen Ortschaft. Still und friedlich liegt die kleine Gemeinde Bärn-

kopf im Waldviertel wie in Kristallzucker getaucht inmitten von prächtigen Fich- tenwäldern. Die Uhr der nahen Pfarrkirche schlägt halb zwei. Mittagspause für die Nah&Frisch Kauffrauen Renate Hofer, Ilse Bauernfried und Karoline Grafe- neder, die gemeinsam „Unser G’schäft in Bärnkopf“ führen. Renate nützt die Pause für eine gepflegte Runde auf der Loipe. Punkt halb fünf wird sie wieder im Geschäft stehen und sich um ihre Kundschaft kümmern. „Das ist schon ein ech- ter Luxus, in der Mittagspause direkt vor der Tür Langlaufen gehen zu können. Weißer Schnee, blauer Himmel – da lacht einem das Herz“, schwärmt sie, schnallt sich die Langlaufskier an und zischt von dannen.


Der Kopf wird frei

Der Schnee knirscht leise, während Renate die Skier gleichmäßig durch die Spur schiebt. Über eine sanfte Steigung erreichen wir eine weite Fläche. Der Schnee glitzert, auf der ebenen Strecke spürt man kaum Widerstand in den Skiern. Es ist fast ein Schweben. „Wann a so a schöner Tag is wie heut, kann man so richtig versinken in der Bewegung“, erzählt Renate. „Da wird der Kopf ganz frei.“ Nach einer Weile geht es leicht bergab und wir tauchen in den Wald ein. Es braucht eine Zeit, bis sich die Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnen. Blau lie- gen die Schatten um die Bäume im Wald. „Das Schönste beim Langlaufen ist für mich, dass man so richtig in sich versinken kann. Die Bewegungen pendeln sich

irgendwann in einen ganz gleichmäßigen Rhythmus ein, das ist wie ein Autopilot. Und dann achtet man viel mehr auf den eigenen Körper, auch weil ja alles viel langsamer geht, zum Glück, als beim Skifahren. Und in der Stille dort draußen, da kommt man einfach zu sich.“ Wieder geht es leicht bergab. Renate beugt ein wenig die Knie, verlagert das Gewicht nach vorne, dreht die Skispitzen zueinander und lässt sich hinunterglei- ten. Auf 70 Kilometern durchgehender Spur kann man in Bärnkopf seine Runden über die Felder und durch die Fichtenwälder drehen. Früher wurden hier die Loipen noch von Läufern gezogen, mittlerweile hat die Gemeinde ihr eigenes Loipenspurgerät, das die Spur in den Schnee fräst.


Größtes Waldgebiet Österreichs

Der Luftkurort Bärnkopf im südwestlichen Waldviertel liegt auf rund 1.000 Meter Seehöhe im größten geschlossenen Waldgebiet Österreichs. 96 Prozent der Ortsfläche sind bewaldet, zur oberösterreichischen Grenze sind es vier Kilometer. Früher arbeiteten in den zum habsburgischen Be- sitz zählenden Fichtenwäldern an die 100 Forstarbeiter. „Wir waren eine richtige Forstgemeinde“, erzählt Bürgermeister Arnold Bauernfried, ein wenig sentimental. „Aber auch wir können hier die Zeit nicht zurückdre- hen. Durch den Einsatz von Maschinen sind fast alle Arbeiter überflüssig geworden. Wir leben jetzt vom Tourismus.“ Und dafür lässt man sich hier schon etwas einfallen – wie z. B. die Nachtloipe. Jeden Dienstag erstrahlt

sie nach Einbruch der Dunkelheit in gleißendem Licht. Renate gehört na- türlich zu den Fixstartern beim nächtlichen Langlauf – gemeinsam mit ihren Nah&Frisch Kolleginnen Ilse und Karoline. Nach ihrem Turnabend gehts noch auf die Piste. „In der Nacht ist es wahnsinnig schön. Ganz still. Dann laufen wir einfach los, solang es uns gefällt“, erzählt Ilse Bauern- fried, die sich zu uns gesellt hat, begeistert. Trifft man da nicht auch tieri- sche Waldbewohner auf den nächtlichen Streifzügen? Ilse lacht: „Na ja, ab und zu sieht man schon einen Fuchs weghuschen oder ein Reh springen. Und manchmal hört man auch ein Käuzchen rufen. Da merkt man dann schon, wie nah die Natur ist.“


Das Langlauf-Gen

Den Sport hat Ilse, die aus der Nachbargemeinde Schönbach stammt, in Bärnkopf gelernt. „Das geht ja ganz gschwind, dass man auf den Bretteln stehen und laufen kann. Meine beiden Kinder waren auch von Anfang an dabei.“ Und wie hält es der Herr Bürgermeister, Ilses Gatte, mit dem Langlauf? „Mein Mann war das letzte Mal Langlaufen, als unsre Kinder noch klein waren. Da ist er über ein Bacherl ghupft und gestürzt. Die Kinder haben gelacht und gesagt: ,Cool Papa!‘ Das hat zwar alles lustig ausgschaut, aber er hat sich ein paar Rippen angeknackst. Seitdem ist das Thema für ihn erledigt.“ Trotz dieses Unfalls scheinen sich die Langlauf- Gene auf die Kinder vererbt zu haben, denn Sohn Thomas wurde nieder- österreichischer Vizelandesmeister. Und das ganz ohne Trainer.


Das Bärnkopfer Knödelrennen

Auch in Bärnkopf finden regelmäßig offizielle Wettkämpfe statt. Für Kauffrau Ilse Bauernfried ist das aber kein Thema mehr: „Ich hab einmal beim Knödelrennen mitgmacht. Da treten zwei Gruppen gegeneinander an und die Verlierer zahlen ein Knödelessen. Das mach ich aber nie wie- der. Ich hab mi so angestrengt und war dann so außer Atem. Das ist nix für mich“, sagt sie lachend. „Ich bleib lieber beim gemütlichen Langlauf, da kann ich auch die Natur besser genießen“, so Ilse, von der wir uns jetzt verabschieden müssen, denn sie sperrt gerade das Geschäft wieder auf. Als wir aufbrechen, wird es langsam dunkel über Bärnkopf. Und siehe da: Plötzlich ist die Loipe erleuchtet – und wer weiß, vielleicht gehen heute nach Geschäftsschluss die Nah&Frisch Kauffrauen wieder auf die „Piste“.

70 Kilometer durchgängig gespurte Loipe machen die kleinste, jüngste und höchstgelegene Gemeinde des Waldviertels zum Paradies für Langläufer und Tourengeher.

„Das Schönste beim Langlaufen

ist für mich, dass man so richtig

in sich versinken kann.“

Sportlich und meditativ: Renates Lieblingsroute

entlang der Wälder von Bärnkopf.

Unser G’schäft in Bärnkopf

Herr Bürgermeister, wie ist denn „Unser G’schäft in Bärnkopf“ entstanden?

Arnold Bauernfried: Es war ein Kraftakt und alle haben mitgehol- fen. 2012 ist die Besitzerin des Kaufhauses in Bärnkopf in Pension ge- gangen. Für unsere kleine Gemeinde war das eine doppelte Katastro- phe. Erstens war die Nahversorgung gefährdet, und zweitens der Tou- rismus, denn unsere Gäste wollen natürlich eine Einkaufsmöglichkeit im Ort.

Eine schwierige Situation ...

Arnold Bauernfried: Ja. Wir haben dann zu einer Versammlung ge- laden. Man muss mit den Leuten reden, dann kann man viel bewe- gen. Wir haben ein Modell entwickelt und gefragt: Wollt ihr euch be- teiligen am Geschäft, um es zu erhalten?

Wie genau funktioniert denn euer Modell?

Arnold Bauernfried: Auf Vereinsbasis. Mit einem Mitgliedsbeitrag von 10 Euro/Jahr und 100-Euro-Bausteinen. Mit diesem Startkapital haben wir die Erstbestückung finanziert. Ganz toll hat uns die Bevöl- kerung beim Umbau unterstützt. Außerdem haben wir vier regionale Arbeitsplätze geschaffen.

Führt ihr auch Produkte aus dem Ort?

Arnold Bauernfried: Obwohl wir hier keine Landwirtschaftsgemein- de sind, bemühen wir uns um lokale Produzenten und bauen unser „aus’m Dorf“-Sortiment weiter aus. Unser Fleisch z. B. kommt vom Fleischhauer der Nachbargemeinde Gutenbrunn. Es gibt Honig und Mohn aus dem Waldviertel und den guten Whisky aus Roggenreith.


Nah&Frisch

Unser G’schäft in Bärnkopf

Nr. 112, 3665 Bärnkopf, NÖ

www.nahundfrisch.at/de/kaufmann/unser-gschaeft-in-baernkopf

Vorbei führt die Loipe am Gedenkstein Schlesingerteich: Nach einem Dammbruch im Jahre 1997 wurde der Teich neu errichtet.

Stiller Genießer: Bürgermeister Arnold Bauernfried, seit einem Langlauf- Sturz lieber zu Fuß unterwegs.

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www.spitz.at

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www.schogetten.de