Von Mensch zu Mensch

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aus‘m Leben

Vier Jahre lang hat der Tiroler Georg Praxmarer seinen 600 Jahre alten Hof restauriert. Eine Lebenskrise hat ihn dazu gebracht, den „schönsten Ort der Welt“ als solchen zu erkennen.

Text: Marcus Fischer Fotos: Martin Vandory

Die ältesten Teile des Ögg-Hofs stammen aus dem Jahr 1371, wie Untersuchungen des Holzes ergeben haben.






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ie eine Festung thront der Ögg-Hof über Feichten, einer kleinen Gemeinde im Tiroler Kaunertal. Mitten im Ort führt Familie

Plankensteiner ihr Nah&Frisch Geschäft. Unser Besuch gilt Georg Praxmarer, einem ihrer Kunden, der oben am Ögg-Hof wohnt. Ein Schotterweg schlän- gelt sich vom Dorf hinauf bis auf knapp 1.500 Meter. Als wir aussteigen, sind wir in einer anderen Welt: An den steilen Hängen grasen Schafe, wir hören Ziegenglocken, hinter uns rauscht ein Wasserfall, ein Bussard schreit. Die Luft ist kalt und klar. Vor uns steht ein 600 Jahre alter Hof samt Stall und Heustadl. Auf der Suche nach dem Hausherren gehen wir zum südlich gelegenen Eingang des Hofes, wo uns ein wunderschöner Blick auf den Kaunertaler Gletscher erwartet – und eine Überraschung. Statt aus urigen Holzbalken, wie der Rest des Hofes, besteht der Südeingang aus einer großen Glasscheibe, die den Blick ins Innere des Gebäudes öffnet, wo Georg Praxmarer gerade die Treppe herunterkommt.


Die Bretter erzählen

Nach einer herzlichen Begrüßung führt uns Georg ins Innere des 1371 errichteten Hauses. Die wuchtigen Deckenbalken im Vorraum zur Rauch- kuchl sind mit einer dicken, schwarzen Schicht überzogen. Georg deutet auf den Holzboden. „Der ist 400 Jahre alt, aus 6 cm dickem Lärchenholz gezimmert. Da vor der Küche“ – er zeigt auf die glatte, glänzende Mulde an der Schwelle – „ist das Holz genau noch 1 cm dick. Kannst dir vorstellen, wie viel Tausend Füße da drübergegangen sind. Achtung, jetzt Kopf ein- ziehen“, warnt er uns vor dem niedrigen Türstock, der in die holzvertäfelte Stube führt. Es ist heimelig warm. „Ja, jetzt“, lacht der Tiroler. „Ich hab den Raum abgesenkt, sonst könnten wir herinnen nicht stehen, so niedrig war der. Und gezogen hats da, das kannst dir nicht vorstellen. Die ganze Täfelung hab ich mit einer 10 cm dicken Schicht Schafwolle isoliert. Dafür hast jedes Brett herunternehmen, putzen und nummeriern müssen. Dann hab ich die Wolle mit Windpapier an der Mauer angebracht und alles wieder zammgebaut. 6.000 Arbeitsstunden hab ich da reingesteckt – nicht nur in die Stube, in den ganzen Hof“, erklärt Georg.


„Machtlos“ vor dem Hof gestanden

Seit 1767 ist der Ögg-Hof 221 in Familienbesitz, seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts stand er leer. 1991, Georg war damals gerade 25 Jahre alt, hat er ihn geerbt und stand, wie er sagt, „machtlos“ vor dem mächtigen Gebäude, das dringend restauriert und genutzt werden musste. Doch zu diesem Zeitpunkt war Georg noch nicht bereit, diese Aufgabe zu über- nehmen. Denn damals zog es ihn in die weite Welt hinaus.


Der Traum von der Seefahrt

Seit frühester Kindheit habe er nur einen Wunsch gehabt, erzählt er: raus- zukommen und die Welt zu entdecken. Eine Kochlehre bereitete den Weg. Erst lernte er bei seinem Onkel, danach in renommierten Häusern wie dem Hotel Vier Jahreszeiten in München. Sein größter Traum sei es aber immer gewesen, zur See zu fahren. Mit 20 heuerte Georg auf der Royal Viking Star an – einem Kreuzfahrtschiff der Luxusklasse, mit dem er sechs Weltreisen unternahm. „Ich weiß noch genau, was die Fahrt damals für die Passagiere gekostet hat: 1,8 Millionen Schilling pro Kopf. Wir hatten 800 Passagiere an Bord und 450 Mann Personal, davon 54 Köche!“


Vom Fischkoch zum Hoteldirektor

Georg fing als Fischkoch an, lernte schnell, arbeitete hart und wusste genau, was er wollte: nach oben. Weil er den Kontakt zu den Gästen liebte, wech- selte er ins Service. Nach einem Jahr war er der Erste Kellner an Bord. Wenig später faszinierte ihn die Logistik der Verpflegung und er wurde Proviant-Lager-Manager. Nach einer Ausbildung in New York stieg er zum Food and Beverages Manager auf und wurde schließlich Hoteldirektor an Bord jenes Schiffes, das die meisten von uns aus dem Fernsehen kennen: dem „Traumschiff“ MS Berlin.


Das teuerste Bier der Welt

„In der Position hast schon eine wahnsinnige Verantwortung, grad was die Verpflegung angeht. Wir haben die Lebensmittel immer im Voraus in den nächsten Häfen lagern lassen. Einmal ist da der Super-Gau passiert. Uns sind drei Container falsch verschifft worden. Die Lebensmittel hab ich kurzfristig anderswo einkaufen können, aber nicht das Bier. Der deutsche Gast will ja sein deutsches Bier, ganz egal, wo er grad ist. Und uns ist das Beck’s an Bord ausgegangen. Also hab ichs von Hamburg nach Singapur einfliegen lassen: 24 Fässer Beck’s, der Transport hat knapp 20.000 Dollar gekostet, das war das teuerste Bier der Welt!“, lacht Georg.


Eine heilsame Krise

An Bord lernte Georg seine künftige Frau Brigitte Rambichler kennen. Gemeinsam beschlossen sie, in die Heimat zurückzukehren. Hier machte sich Georg selbstständig, baute große Gastronomiebetriebe in Vorarlberg auf, arbeitete 70 bis 90 Stunden pro Woche, betreute nebenher zwei Hotels – bis alles zu viel wurde. Er konnte immer weniger schlafen und arbeitete noch mehr, um seinen Ansprüchen gerecht zu werden. „Um 4 in der Früh tragts dich ausm Bett raus, weilst nur noch im Kopf hast, wasd morgen alles machen musst.“ 2011 stellten sich Panikattacken ein – und allmählich erkannte Georg, dass er mitten in ein schweres Burn-out geschlittert war. Es folgten Klinikaufenthalte und Therapien. „In der Zeit“, erzählt er mit einem Strahlen, „bin ich draufgekommen, dass ich eigentlich den schönsten Platz auf der Welt hab.“


Besucher kriegen Heimweh

Sobald er wieder Boden unter den Füßen spürt, geht Georg ans Werk. Von Harald Haller, einem „Südtiroler Narrischen“, lernt er, wie man alte Höfe modern restauriert. Gemeinsam tragen sie einen 500 Jahre alten Hof ab und bauen ihn an anderer Stelle wieder auf. In der Folge überzeugt er das Denkmalamt, sich damit das Handwerkszeug zur Restaurierung des eigenen Hofes angeeignet zu haben und legt los. 80 % macht er selber, nur die Installationen und die Elektrik überlässt er den Profis. Nach vier Jahren ist das Werk vollendet. „Am Anfang haben manche gesagt, was willst mit dem Klump, reiß den Hof nieder! Und heute kriegen viele, die herauf- kommen, Heimweh. Die haben Tränen in den Augen. Weil der Hof sie an ihre Kindheit erinnert. Aber auch, weil sie spüren, was sie verloren haben. Die meisten im Tal haben vor Jahren alles aus den Höfen herausgerissen und verheizt. Und das tut heute natürlich weh.“


Ein Ort der Geborgenheit

„Für mich ist der Hof ein Kraftort“, sagt Georg. Und tatsächlich strahlen die Räume eine tiefe Ruhe und Geborgenheit aus. Seit letztem Jahr vermietet er den „Seminar- und Ferienhof“ an Gruppen ab sechs Personen. „Hier haben schon Yoga-, Koch-, Kräuter- und Brotback-Seminare stattgefunden“, erzählt er. „Mir ist wichtig, dass sich die Leute wohlfühlen bei mir – und runterkommen können. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es vielen draußen geht in der Arbeitswelt. Mir hat der Hof geholfen und ich will, dass er auch anderen hilft.“

Ögg-Hof 221, Ögg 221, 6524 Kaunertal, Tirol, www.oegg-hof221.at

6.000 Stunden Arbeitszeit hat Georg Praxmarer in die liebevolle Restaurierung seines Hofs gesteckt.








Mit 25 hat Georg den Ögg-Hof 221 geerbt. „Machtlos“ stand er damals davor. Er war noch nicht bereit.

Anstatt den Hof „auf alt“ herzurichten, hat Georg ursprüngliche Elemente bewahrt und mit modernen kombiniert.

Das Panoramafenster öffnet den Blick zum Kaunertaler Gletscher.

Georg vor dem Bild seiner Urgroßeltern Johanna und Tobias Lentsch.









„In der Zeit bin ich draufgekommen, dass ich eigentlich den schönsten Platz auf der Welt hab.“

Die geräumige Dachkammer lässt sich im Nu vom gemütlichen Gästezimmer zum Seminarraum umbauen.

Lange hat Georg auf Flohmärkten nach den ursprünglichen Lichtschaltern aus Bakelit gesucht, bis er fündig wurde. „Daher kommt der Ausdruck ,das Licht aufdrehen‘, denn die ersten Schalter waren zum Drehen“, erzählt er.


Blick entlang der Vorderseite des Hofs zum Gletscher.




Mei Kunde

Georg Praxmarer

kauft im Nah&Frisch Geschäft von Familie Plankensteiner ein –

in 6524 Feichten im

Kaunertal, T.