Mitten im Ort

Am Puls

des Dorfes

Was muss ein Kaufmann heute mitbringen,

um sich als erfolgreicher Nahversorger behaupten zu können? Wir haben zwei Kaufleute gefragt,

die es wissen müssen.


Text: Marcus Fischer Fotos: Sebastian Freiler

E

rnst und Gottfried Knell sind Brüder. Jeder von ihnen führt ein Nah&Frisch Geschäft im Weinviertel, etwa 12 km voneinander ent-

fernt. Den Grundstein dafür legte der Urgroßvater der beiden schon Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen Lebensmittel- und Gemischtwarenge- schäften in Glaubendorf und Königsbrunn am Wagram (NÖ). Ernst und Gottfried sind seit Anfang der 80er Jahre Kaufleute. Wir wollten von ihnen wissen, worauf es heute ankommt, um als Kaufmann erfolgreich zu sein – in Hinblick auf ihre Kunden, ihren Ort und auf den Mitbewerb.


Poster mit lokalen Lieferanten

Wir sitzen in der Kaffee-Ecke von Ernst Knells Geschäft in Großweikers- dorf. Für unser Gespräch haben wir uns die Mittagspause ausgesucht, um ungestört plaudern zu können. Auf der Fahrt hierher sind uns die Super- märkte am Ortsrand aufgefallen – beide großen Handelsketten plus ein Diskonter sind vertreten. Wie kann man sich heute als Nahversorger gegen diese „Goliaths“ durchsetzen, wollen wir wissen. „Damit“, sagt Ernst und klappt ein Poster auf. Wir sehen eine Landkarte der Region mit 20 oder 25 Pfeilen, die auf Punkte in der Umgebung von Großweikersdorf zeigen. „Das sind meine lokalen und regionalen Lieferanten. Mehr brauch ich nicht sagen. Da kann keine Supermarktfiliale mithalten, der Diskonter sowieso nicht. Und jedes Kind versteht, dass man, wenn man bei mir einkauft, nicht nur das Geschäft unterstützt, sondern auch dutzende Produzenten in unserer Gegend.“


Die Kartoffeln kommen mit der Scheibtruhe

„Unsere Kartoffeln zum Beispiel“, fährt Ernst fort, „bringt der Bauer mit der Scheibtruhe. Der wohnt zwei Häuser weiter. Wenn er sieht, die Kartoffeln gehen aus, kommt er automatisch mit der Scheibtruhe und liefert. Genauso unsere Weinbauern. Wenn die zum Einkaufen da sind, bringen sie gleich den Wein mit und schlichten nach.“ „Es ist ein ganz anderes Gefühl, wennst weißt, wo was herkommt“, ergänzt sein Bruder Gottfried, der ebenfalls ein reichhaltiges Sortiment von lokalen und regionalen Herstellern bezieht.


Eine Gaudi, wenn der Fleischhauer liefert

„Am lustigsten ist es, wenn unser Lieferant vom Fleischhauer Hündler kommt“, erzählt Ernst. „Der verkauft die Ware schon beim Reinkommen. Das ist ein sehr kommunikativer Typ, muss man wissen, und er kennt unsere Kunden halt auch schon lange. Der spricht sie dann gleich an, wenn er das frische Fleisch bringt und sagt: ,Frau Maier, heut hab i was Besonderes dabei, das ist ganz mürb – da mach ma heut ein Rindfleisch mit Semmelkren, gell?‘ Da ist gleich Stimmung im Gschäft. Voraussetzung ist natürlich, dass die Qualität zu 100 Prozent stimmt – und dafür leg ich beim Hündler die Hand ins Feuer. Dem vertrauen meine Kunden, weil sie ihn ja zum Teil schon seit Jahrzehnten kennen. Und wenn Hündler draufsteht, wird das blind gekauft.“


Bekannte Hersteller statt anonymer Fabrikware

„Absolut“, fährt Gottfried fort, der jüngere der beiden Brüder. „Das ist einfach ein riesiger Unterschied, ob du ein anonymes Produkt aus einer Fabrik kaufst oder genau weißt, das kommt von dort her und der hats gemacht. Ich hab zum Beispiel jetzt Produkte vom ,Kaskistl‘ im Sortiment, das ist eine Vereinigung von Mostviertler Bauern mit Bioprodukten von Schaf, Ziege und Kuh. Und zwar alles aus klein strukturierten Biobetrieben – weil Bio ja mittlerweile zum Teil auch schon in Massenproduktion hergestellt wird. Und weils das nur bei mir gibt, kommen Kunden auch von weit her, um das zu kriegen.“


Kunden mit dem Namen grüßen

Neben dem besonderen Angebot an lokalen Produkten komme es aber auch ganz stark auf die Atmosphäre im Geschäft an, betonen beide Kauf- leute. „Das ist auch ein Pluspunkt bei uns“, erzählt Gottfried. „Ich hör das immer wieder von Kunden, dass sie in manchen Geschäften oder Märkten nicht einmal angeredet werden. Da gehst hinein und kein Mensch registriert dich!“


„Dass wir unsere Kunden grüßen, ist bei uns selbstverständlich. Wir ver- suchen auch, möglichst jeden Kunden beim Namen anzusprechen. Dadurch, dass wir Post Partner sind, lernen wir auch schneller unsere ,Neuankömmlinge‘ kennen, die bei uns Häusl bauen oder eine Wohnung beziehen. Da hab ich mir angewöhnt, die Namen der Kunden und auch evtl. der Kinder aufzuschreiben. Das ist dann natürlich was Tolles, wennst beim zweiten Einkauf schon mitm Namen angesprochen wirst.“


Gedankenstützen und Geburtstage

„Das hat sogar der Großvater schon gemacht, in den 50er und 60er Jahren“, lacht Ernst. „Der hat jeden Kunden beim Gesicht gekannt, aber die Namen hat er sich auch nicht alle merken können. Drum hat er sich auf der Rückseite vom Zigarettenregal, die nur er gesehen hat, wenn er hinter der Budel gestanden ist, so kleine Pickerl mit den Namen hingeklebt gehabt. Als Gedankenstütze!“ Aber nicht nur um die Namen der Kunden, ihrer Partner und der Kinder gehe es, meint Gottfried: „Du weißt selbstver- ständlich auch, wann wer einen runden Geburtstag hat. Und wennst es nicht weißt, suchst es dir auf der Gemeinde-Homepage heraus. Das gehört für uns dazu. Dann gratulieren wir natürlich und das Geburtstagskind freut sich.“ „Das sind vielleicht alles für sich genommen nur Kleinigkeiten, aber im Endeffekt machen sie die Atmosphäre in einem Geschäft aus. Und das spüren und schätzen unsere Kunden“, ergänzt Ernst.


Aufstrich-Alarm auf Facebook

Außerdem sei es natürlich auch wichtig, immer wieder neue Wege zu gehen, auch was den Kundenkontakt angeht. „Unsere jüngste Mitarbeiterin macht am Montag immer Aufstriche“, erzählt Ernst, „Heurigenaufstrich, Eiaufstrich, Liptauer usw. Das hör ich dann immer, weil der Mixer läuft. Und vor ein paar Wochen ist sie wieder am Zubereiten, der Mixer rennt, dann stellt sie den Mixer ab – und 10 Minuten später steht schon ein Kun- de an der Feinkost. Der war vom Gemeindeamt drüben und hat gesagt, er habe gerade die Nachricht gekriegt, dass der Aufstrich fertig ist – auf Facebook! Ich hab so lachen müssen. Ja, und wenn sie jetzt eine Feinkost- platte fertig hat, oder eine Riesenbrezel, macht sie ein Foto, stellts auf Facebook und klick – wissens schon alle. Das Mädel ist spitze!“, lacht Ernst.


Multitalente in Sachen Service

Neben dem Lebensmittelsortiment und regionalen sowie lokalen Spezialitäten bieten beide Kaufleute eine ganze Reihe von Serviceleistungen an. Welche davon sind bei den Kunden besonders beliebt? „Das Post Partner Service ist bei uns sehr wichtig. Unsere Kunden schätzen es, dass sie bei uns ihre Briefe und Packerln aufgeben bzw. abholen und auch ihre Bankgeschäfte erledigen können. Weil sie sonst viele Kilometer fahren müssten. Und danach kommt gleich der Putzereiservice. Das wird natürlich auch von der Drogeriekette im Ort angeboten. Aber da musst du halt schauen, dass du besser bist. Nur der Service allein reicht nicht – da bist du austauschbar. Aber mit unserem Partner sind wir nicht nur besser, sondern auch noch billiger als die Drogeriefiliale. Das hören wir immer wieder von unseren Kunden.“


Kaffeekränzchen im Gschäft

Ein breites Grinsen liegt auf dem Gesicht von Ernst Knell, wenn er von der Kaffee-Ecke in seinem Geschäft erzählt. „Da kannst die Uhr danach stellen: Montag, Mittwoch und Freitag sitzen hier um Punkt 9 acht Damen – immer die gleiche Runde, immer die gleiche Zeit. Da gibts manchmal sogar Diskussionen, weil einige ihren Stammsessel haben und wehe, eine andere sitzt drauf! Um 10 kommt dann das Taxi und bringt sie nach Haus. Pünktlich um Viertel 11 kommt dann eine andere Kundin, setzt sich wiederum auf ihren Lieblingsplatz und trinkt in Ruhe ihren Kaffee. Die Kaffee-Ecke ist ein echter Treffpunkt bei uns im Ort.“


Engagiert für Vereine …

Ein wichtiges Thema für Ernst und Gottfried sind die Vereine. Gottfried ist aktiv in der Feuerwehr, die Kinder sind im Musik- und Sportverein, außerdem singen beide Männer im Chor. „Natürlich sind wir in vielen Vereinen dabei, so entstehen persönliche Kontakte“, meint Ernst. „Für die Vereine ist es auch günstig“, fährt Gottfried fort, „wenn wir ihre Feste beliefern – weil sie bei uns alles, was nicht Frischware ist, retournieren können. Damit haben sie kein Risiko. Außerdem ist es ja so, dass wir natürlich auch mit der Familie auf die jeweilige Veranstaltung gehen. Da sind wir schon einmal eine Partie von 15 Leuten und das ist schon ein schöner Umsatz für den Verein.“ „Von Mai an sitzen wir jedes Wochenende auf einem Heurigenbankl von einem Fest, das wir beliefern“, ergänzt Ernst lachend.


… und soziale Notfälle im Ort

Vieles wäre noch zu erzählen – zum Beispiel vom sozialen Engagement der beiden Kaufleute in ihren Heimatgemeinden. Wie Gottfried mit Lebensmitteln und Sachspenden das „Rettet das Kind“-Haus in Absdorf für Kinder aus schwierigen Verhältnissen unterstützt hat. Oder Ernst eine Knochenmark-Spendenaktion für eine 25-jährige Frau sponsert, bei der man Leukämie festgestellt hat. Aber das wollen die beiden gar nicht an die große Glocke hängen. „Das ist selbstverständlich, dass wir da aktiv werden. Das gehört sich einfach so“, meinen beide unisono.


Was macht einen guten Kaufmann aus?

Die Zeit ist fortgeschritten, eine letzte Frage haben wir noch: Welche Eigenschaften muss ein guter Kaufmann heute mitbringen? „Das Wichtigste ist die Freude am Umgang mit Menschen“, sagt Gottfried. Ernst ergänzt: „Du musst halt auch bereit sein, dich voll einzusetzen für deine Kunden. Mit einer ,9 bis 5‘-Einstellung kommst net weit. Ich bin ab halb sechs im Geschäft, über Mittag ist zu, und dann gehts weiter bis halb sieben am Abend. Da kommst schon auf eine 60-Stunden-Woche. Aber wennst dich so reinhängst, bekommst auch was zurück.“ Gottfried nickt zustimmend. „Es kommt viel zurück von unseren Kunden – an Herzlichkeit, manchmal sogar kleine Geschenke. Da freut man sich natürlich ganz besonders und weiß wieder, warum man das macht.“ Ein schönes Schlusswort. Wir bedanken uns und gönnen den Kaufleuten noch ein paar Minuten Ruhe, bevor die Mittagspause vorbei ist und sie sich wieder für ihre Kunden ins Zeug legen.

„Nahversorgen heißt: Gutes aus der Nähe bieten.“

Gutes aus der Nähe: Auf einem kleinen Poster hat Ernst Knell seine über 20 lokalen und regionalen Lieferanten eingezeichnet.

Blick in die Vergangenheit – Gottfried (links) und Ernst Knell.

Neben der Auswahl an lokalen und regionalen Produkten punkten die Kaufleute mit Dienstleistungen wie dem Putzereiservice und dem Post Partner Service bei ihren Kunden.

Das Geschäft des Urgroßvaters im Jahr 1895.

Aus den Anfängen der Selbstbedienung im Geschäft: Ernst Knell an der Kassa 1986.

Aus den Anfängen der Selbstbedienung im Geschäft: Wolfgang Knell an der Kassa 1986.

Michaela Knell Mitte der 1980er Jahre in der Textilien-Abteilung des Stammgeschäfts in Glaubendorf, das gleichzeitig das Geburtshaus der Knell-Brüder ist.

DIE GSCHÄFTE

Nah&Frisch Knell Ernst Hauptplatz 3, 3701 Großweikersdorf, NÖ


Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 6:30–12:30 Uhr, 14:30–18:00 Uhr,

Samstag: 6:30–12:30 Uhr


Telefon: 02955/70202

www.nahundfrisch.at/de/kaufmann/knell-e


Nah&Frisch Knell Gottfried Hauptplatz 10, 3462 Absdorf, NÖ


Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 7:00–12:30 Uhr, 14:30–18:00 Uhr,

Samstag: 7:00–12:00 Uhr


Telefon: 02278/2268

www.nahundfrisch.at/de/kaufmann/knell-g

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www.post.at/postpartner

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www.oelz.com

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www.suchard.at